Weg aus Deutschland: Fast 200.000 Türken gehen in vier Jahren

In den Jahren 2007 bis 2011 sind 193,000 in Deutschland lebende Türken dauerhaft in die Türkei zurückgekehrt. Am häufigsten waren Arbeitslosigkeit und Diskriminierung ausschlaggebend für die Rückwanderung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Erhebung der türkisch-deutschen Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung (TAVAK).

Rund 193,000 in Deutschland lebende Türken haben in der Zeit zwischen 2007 und 2011 das Land wieder Richtung Heimat verlassen. Wie die türkisch-deutsche Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung (TAVAK) herausgefunden hat, kehrten verstärkt junge Migranten türkischer Herkunft in die Türkei zurück, weil sie in der Bundesrepublik mit hoher Arbeitslosigkeit und Diskriminierung konfrontiert wurden und bessere wirtschaftliche Chancen in der Türkei sahen. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Nach Ansicht des TAVAK-Vorsitzenden Professor Faruk Şen würden diese Zahlen wiederum auch zeigen, dass man bei einer Aufweichung der bestehenden Visa-Regelungen keine verstärkte Zuwanderung aus der Türkei in andere europäische Staaten befürchten müsse. „Die Rückkehr aus Deutschland in die Türkei ist in der Zeit von 2007 bis 2011 unter jungen Migranten spürbar angestiegen. Selbst junge Türken, die einen Beruf und Eigentum in Deutschland haben, kehren zurück. Die wichtigsten Gründe hierfür sind Diskriminierung und Arbeitslosigkeit“, so Şen im Gespräch mit dem Blatt.

Türken in Deutschland erwirtschaften 16.5 Mrd. Euro im Jahr

Nach Angaben der Stiftung leben derzeit 2,950,000 Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Davon besitzen nur 1,020,000 die deutsche Staatsbürgerschaft. 1,930,000 hätten ihre türkische Staatsbürgerschaft ebenso wie ihren Status als Ausländer behalten. Personen türkischer Herkunft machen im Augenblick gut 31 Prozent der knapp neun Millionen Einwanderer in Deutschland. Rund 720.000 von ihnen sind Mieter, während 230.000 in ihren eigenen Häusern leben. Die durchschnittliche Haushaltsgröße beträgt 3,9 Personen und das durchschnittliche Einkommen liegt bei 2.020 Euro, was ein Gesamteinkommen türkischer Mitbürger in Deutschland von 16.5 Milliarden Euro bedeute. Insgesamt konnten sie beim Lohnniveau aufholen (mehr hier).

Auf der anderen Seite betrage die Arbeitslosenquote unter den Türken in Deutschland nach Angaben der TAVAK 30 Prozent. Ein krasser Gegensatz verglichen mit der allgemeinen Arbeitslosenquote von 5,90 Prozent. Allerdings seien diese Statistiken nicht die ganze Wahrheit, so Şen. Immerhin würden fast zwei Millionen befristete Arbeitskräfte nicht in der Arbeitslosen-Statistik auftauchen. Darüber hinaus würden fast 1,5 Millionen Menschen berufsbildende Kurse besuchen. Nicht mitgerechnet würden auch die fast 1,6 Millionen Frauen, die über 15 Monate arbeitslos wären und keinen Arbeitslosen-Status hätten. Alles deute demnach darauf hin, dass die reale Arbeitslosenquote insgesamt in Deutschland bei 14,5 Prozent läge.

Kein verstärkter Strom durch EU-Beitritt der Türkei

Die Befürchtung, dass die Türken in die EU strömen, wenn die Türkei Mitglied der Europäischen Union würde und die Visapflicht aufgehoben werde, sei ungerechtfertigt, so Şen. Ohnehin würden türkische Staatsbürger ihr Land nicht verlassen würde, wenn sie nicht in der Lage wären einen „ geeigneten Job zu finden“, der ihren Fähigkeiten und ihrer Ausbildung entspräche.

Şen vertritt auch die Ansicht, dass der Ausschluss Türken aus dem Berufsleben eine gängige Praxis in Deutschland sei. „Firmen wollen Türken oder andere Außenseiter für ihre Posten, die ihnen vom Arbeitsamt vorgeschlagen werden.“ Seiner Meinung nach sei liege der Grund dafür in der steigenden „Islamophobie“ und „Turkophobie“ – vor allem in Deutschland. Angriffe von Neonazis gegen Türken seien konkrete Ergebnisse dieser Diskriminierung.

Abwanderung von bis zu 65.000 im Jahr erwartet

Etwa 44 Prozent der türkischen Migranten leben, so Şen weiter, unterhalb der nationalen Armutsgrenze (372 Euro pro Monat). „Diese Leute wissen nicht, was zu tun ist, wohin sie gehen sollen. Sie werden eine Rückkehr in die Türkei nicht in Betracht ziehen, da sie Angst haben, auch dort keine Jobs zu finden.“ Allerdings, so Şen, gehe man derzeit davon aus, dass rund 55.000 bis 65.000 Menschen pro Jahr in die Türkei in der Zukunft zurückkehren werden,  falls hier nicht die gleichen Beschäftigungschancen erfüllt würden.

Die Türkei und Deutschland habe keine Vereinbarung über eine doppelte Staatsbürgerschaft. Betroffene Jugendliche in Deutschland müssen sich bis zu ihrem 23. Lebensjahr entscheiden (mehr hier).

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