Ägypten: Muslimbrüder wütend über Frauen-Erklärung der UN

Die ägyptische Muslimbruderschaft hat ein UN-Dokument, das nach globalen Standards verlangt, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern, als unislamisch bezeichnet. Gleichzeitig wird davor gewarnt, dass es dadurch zur „völligen Degeneration der Gesellschaft“ komme.

Zwei Wochen lang haben sich Regierungen und NGOs in New York über Möglichkeiten,  Gewalt gegen Frauen und Kinder zu beenden, beraten. Noch an diesem Freitag, so berichtet die türkische Zeitung Hürriyet, solle nun ein Konsens erreicht werden. Doch den Bestrebungen zum Wohl von Frauen auf der ganzen Welt weht ein rauer Wind aus Ägypten entgegen.

Die dortige Muslimbruderschaft um Präsident Mohamed Morsi vertritt die Ansicht, dass das Dokument Passagen enthalte, die den „etablierten Prinzipien des Islam widersprechen, die islamische Ethik untergraben“ und, wenn es ratifiziert würde, „zum vollständigen Zerfall der Gesellschaft führen“ würden. Damit stellen sich die Muslimbrüder gegen die Einführung von universellen Standards und fordern Frauenorganisationen stattdessen auf, sich „ihrer Religion und den Moralvorstellungen ihrer Gemeinschaft zu fügen (…) und sich nicht von einer irreführenden dekadenten Modernisierung und der subversiven Unmoral verführen“ zu lassen.

Volle Gleichberechtigung für Muslimbrüder ein Graus

Die aktuelle Erklärung der ägyptischen Muslimbruderschaft, so das Blatt, sei die klarste jemals abgegebene Botschaft an Frauen und ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft. Immerhin sei das ein Thema, um das man seit der Machtergreifung infolge der Aufstände 2011 einen weiten Bogen gemacht habe. Falls das UN-Dokument tatsächlich ratifiziert würde, so deren Befürchtung, würde die Welt „Dekadenz“ erwarten.

Insgesamt, so heißt es weiter, stelle man sich gegen zehn Punkte, einschließlich der Forderung nach „voller Gleichberechtigung in der Ehe-Gesetzgebung“ sowie der „Aufhebung der Notwendigkeit der Zustimmung eines Mannes in Sachen Reisen, Arbeiten oder Verwendung von Verhütungsmitteln“. Scharf kritisiere man zudem die Gewährung voller Rechte für Klagen gegen Ehemänner, wenn sie diese der Vergewaltigung oder der sexuellen Belästigung beschuldigen. Auch der Übergang der Autorität vom Ehemann an einen Richter im Falle einer Scheidung stelle man in Frage.

Die Bruderschaft ist der Ansicht, dass das Dokument die Gesellschaft mit „zerstörerischen Werkzeugen, um die Familie zu untergraben“ ausstattet, darunter falle etwa „die Gewährung der vollen sexuellen Freiheit für Mädchen“ und die „Bereitstellung von Kontrazeptiva an heranwachsende Mädchen und die Schulung in ihrer Verwendung“. Außerdem stellt sie sich gegen die volle Gleichbereichtigung von Mann und Frau in Fragen wie Haushaltsausgaben, Kinderbetreuung und Hausarbeit. Insgesamt unterwandere das Dokument die Gesellschaft als Ganzes und katapultiere sie zurück in eine „vorislamische Unwissenheit“.

Nach Angaben von Diplomaten, die der Konferenz beiwohnen, seien die Muslimbrüder aber nicht die einzigen, die quer schießen. Auch der Vatikan, Russland und der Iran seien Wortführer im Bestreben, die Schlussbemerkung in dem Dokument streichen zu lassen. Dort heißt es, dass die Religion, die Sitten oder die Traditionen keine Entschuldigung für die Regierungen sein können, die Bekämpfung von Gewalt (gegen Frauen) voranzutreiben. Auch in der Türkei gibt es Anlass zur Sorge (mehr hier). Schreckensszenarien  finden sich immer wieder in der türkischen Presse (mehr hier).

70% aller Frauen weltweit einmal im Leben Opfer von Gewalt

Seit 4. März beraten in New York Regierungsvertreterinnen und -vertreter von insgesamt 144 Staaten in der 57. Sitzung der Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen. Vorrangiges Thema ist die „Beseitigung und Prävention jeglicher Form von Gewalt gegen Frauen und Mädchen“. Bereits im Vorfeld der Sitzung unterzeichnete auch die Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium (BMZ), Gudrun Kopp, gemeinsam mit den Botschafterinnen der Kooperationsländer eine Deklaration zum Schutz von Frauenrechten. Hauptbotschaft der Erklärung, so die Bundesregierung, sei es, die Rechte von Mädchen und Frauen zu schützen und jegliche Gewalt gegen sie zu beenden. Weltweit sind bis zu 70 Prozent aller Frauen min­des­tens einmal in ihrem Leben physischer, psychischer oder sexueller Gewalt durch den Ehe­mann oder Partner aus­ge­setzt. Etwa 150 Mil­lio­nen Mädchen unter 18 Jahren haben in ihrem Leben bereits sexuelle Gewalt erfahren müssen. Noch immer sind welt­weit bis zu 150 Mil­lio­nen Mädchen und Frauen Opfer von Genital­ver­stümmelung.

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