Aufbruchstimmung: Türkische Kette BIM will sich in Ägypten etablieren

Noch im vergangenen November hatte der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan die türkisch-ägyptische Geschäftswelt ermuntert, intensivere Handelsbeziehungen einzugehen. Diesem Ruf kommt jetzt die türkische Discounter-Kette Birleşik Mağazalar A.Ş (BIM) im großen Stil nach. Allein in Kairo sollen bis Ende dieses Jahres mindestens 30 Läden des Einzelhandelsriesen entstehen. Weitere Niederlassungen sollen folgen.

Eigentlich hätte der Arabische Frühling als echtes Magnet für ausländische Direktinvestitionen wirken können. Eingetreten ist in den vergangenen zwei Jahren jedoch meist das Gegenteil. Die Instabilität in vielen Gegenden samt damit einhergehender neuerlicher Radikalisierungstendenzen (mehr hier) wirkten eher abschreckend, denn animierend. Neue Marktteilnehmer wurden vergrault. Ausländische Unternehmen, die bereits ein Standbein in den einzelnen Ländern hatten, legten ihre Projekte auf Eis.

Einen, den diese unsichere Atmosphäre nicht scheut, ist bekanntermaßen der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan. Nicht nur den Tourismussektor versucht er durch türkisch-ägyptische Vereinbarungen anzukurbeln, auch die übrige Geschäftswelt ermunterte er in jüngster Vergangenheit ein ums andere Mal, die Fühler auszustrecken (mehr hier). Vor diesem Hintergrund verwundert der jüngste Schritt des türkischen Discounter-Riesen BIM kaum. Wie die Financial Times berichtet, plant sich die Einzelhandelskette noch in diesem Jahr in Ägypten um zu tun – und das im großen Stil.

BIM will sich langfristig in Ägypten niederlassen

Zwar sei das Ägypten in der Nach-Mubarak-Ära nach Ansicht von BIM (Birleşik Islam Marketleri)-Finanzchef Haluk Dortluoglu nach wie vor ausgesprochen riskant. Gleichzeitig seien jedoch die Chancen auf der anderen Seite zu gut, als dass man sie ausschlagen könnte. „Wir sind uns der Risiken bewusst. Aber wir glauben, dass die aktuellen Turbulenzen vorübergehend sind und sich früher oder später die Demokratie in Ägypten niederlassen wird“, so der Manager zu beyondbrics. Gerade in einer Zeit, in der ausländische Direktinvestitionen fehlten und sich  andere Einzelhändler aus Ägypten zurück ziehen, würde der Vorstoß von BIM von der hiesigen Bevölkerung sicher begrüßt werden. Das Unternehmen jedenfalls sehe seine ägyptischen Bestrebungen langfristig. Man wolle in die Zukunft Ägyptens investieren.

In der Tat bezeichnet auch das Medium die türkischen Pläne als „ausgesprochen ehrgeizig“. Demnach wolle der türkische Einzelhändler allein in diesem Jahr mindestens 30 Geschäfte in der Hauptstadt Kairo eröffnen. Dann soll es in Alexandria und anderen Ballungszentren des Nil-Deltas weitergehen. Auch in Ägypten sollen die Läden nach dem türkischen Billig-Prinzip ausgestattet werden. Ein Modell, das in der Türkei bereits in 3,500 Geschäften und mit einem ausgesuchten Portfolio von 600 bis 650 Artikeln funktioniert. „Wir verwenden ein ähnliches Konzept und ähnliches Layout, und werden vielleicht 500 bis 600 Linien von Lebensmitteln und Non-Food-Artikeln einführen, eben grundlegende Produkte, die alle Bedürfnisse einer Familie befriedigen“, erläutert Dortluoglu.

BIM sucht langfristige Bindungen mit ägyptischen Lieferanten

Interessant in diesem Zusammenhang: BIM hat vor, auch in Ägypten gut 80 Prozent seines Warenbestands über lokale, kleine und mittelständische Unternehmen zu beziehen. Profitieren sollen davon nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Kette selbst. Denn nur auf diese Art sei eine wettbewerbsfähige Preisgestaltung möglich, die zudem einen entscheidenden Vorteil bringt: Es entsteht eine langfristige und vor allem zuverlässige Bindung zwischen der türkischen Kette und hiesigen Lieferanten.

Die Türken treffen damit sicherlich den Nerv ihrer potentiellen ägyptischen Kundschaft. Diese hat nach dem Sturz von Präsident Mubarak nicht nur politisch viel auszuhalten, auch ein massiver Anstieg der Nahrungsmittelpreise einhergehend mit deutlich spürbaren Lieferengpässen bei einigen Produkten machen ihnen zu schaffen. Ägyptens Lebensmittelhandel und -logisitik sind entsprechend schwach ausgeprägt, eine ausreichende Befriedigung der Marktbedürfnisse unmöglich. Hier grätscht nun BIM als ausgesprochen organisiertes Unternehmen mit einem stark reduzierten Modell hinein.

Türkisches Modell bereits erfolgreich in Marokko eingeführt

„Der ägyptische Markt ist dem türkischen sehr ähnlich, allerdings nicht so gut organisiert. Das Ziel, im ersten Jahr 30 Filialen zu eröffen, erscheint daher durchaus realistisch“, meint auch Irem Okutgen, Analyst bei der türkischen Bank Garanti Yatirim. Er verweist auf ähnliche Erfolge, die die türkische Kette bereits in Marokko erzielt habe. Dort seien in drei Jahren ganze 116 Filialen entstanden. In diesem Jahr soll deren Zahl gar auf 160 wachsen.

Marokko, Ägypten und von dort der Rest der Region? Derartige Ambitionen sieht Dortluoglu gelassen. BIM wolle seinen Angaben zufolge hier nichts überstürzen und Schritt für Schritt vorgehen. Zwar sehe man sich um, in den kommenden Jahren wolle man sich jedoch erst einmal auf diese beiden Staaten und natürlich die Türkei selbst konzentrieren. Denn auch in der Heimat verfüge man noch über reichlich Wachstumspotential. In der Tat sind allein 2012 366 neue Filialen in der Türkei entstanden. Insgesamt gibt es damit 3,655 Geschäfte, die einen jährlichen Umsatz von 5,5 Milliarden Dollar einbringen. Dieses Jahr sollen noch einmal 350 bis 400 Läden sowie sechs neue Distributionszentren dazu kommen. Angestrebt ist ein Umsatzwachstum von 17 bis 18 Prozent. Erst kürzlich wurde das Unternehmen von Deloitte zu den zehn am schnellsten wachsenden Einzelhändlern der Welt gezählt.

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