Katastrophe von Backnang: Türken misstrauen den deutschen Behörden

Vor genau einer Woche löschte ein verheerender Brand in Backnang acht Mitglieder einer türkischen Großfamilie aus. Türkische wie deutsche Fachleute gehen derzeit davon aus, dass ein technischer Defekt Ursache der Katastrophe war. Überzeugend ist das bisherige Ergebnis jedoch nicht für alle. Sowohl in der Türkei als auch in Deutschland gibt es Zweifel.

Bereits kurz nach Bekanntwerden der Brandkatastrophe im baden-württembergischen Backnang war der Aufschrei in der türkischen Presse groß. Verbirgt sich hinter der Katastrophe mehr als ein fatales Unglück? Ist es doch Brandstiftung oder gar eine rassistisch motivierte Tat? Obschon letzteres ziemlich schnell ausgeschlossen wurde, loderten die Zweifel weiter. Ermittlungen in alle Richtungen wurden gefordert – sowohl von in Deutschland ansässigen türkischen Organisationen als auch von Seiten der türkischen Politik (mehr hier).

NSU-Morde haben Graben des Misstrauens aufgerissen

Auch jetzt nehmen die Zweifel nicht ab. Zwar gehe man, so berichtet die Stuttgarter Nachrichten, auch in der Türkei mittlerweile davon aus, dass der Brand mit insgesamt acht Toten ein Unglück gewesen und ein technischer Defekt als Ursache wahrscheinlich sei. Auch vier vom türkischen Innenministerium nach Deutschland geschickte Experten hätten festgestellt, dass es keine Hinweise auf Brandstiftung oder einen Anschlag von Neonazis gebe. Doch das Ergebnis der türkischen Delegation, das sich mit dem Kenntnisstand der deutschen Ermittler deckt, befriedigt nicht alle. Zu sehr hätten die NSU-Morde das Image der deutschen Behörden beschädigt, heißt es an diesem Sonntag von Seiten der türkischen Zaman (mehr hier). Selbst ein entsprechender Abschlussbericht könne da nicht viel ausrichten. Das Misstrauen, dass die deutschen Behörden versuchen würden etwas zu vertuschen, bleibe.

Wie tief die Skepsis in den Knochen der türkischen Bürger steckt, habe sich nach Ansicht des Mediums in den vergangenen Tagen am deutlichsten in den Aussagen von Professor Faruk Şen gezeigt. Der Vorsitzende der türkisch-deutschen Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung (TAVAK) meldete sich am vergangenen Donnerstag zu Wort. Seine Kritik richtete sich sowohl an die deutschen als auch die türkischen Behörden. Beide Seiten hätten den Brandanschlägen der vergangenen Jahre zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Das, so Şen, müsse sich künftig ändern. „Das Feuer mag durch ein elektrisches Problem verursacht worden sein. Doch es gibt zwölf Fälle von Brandstiftung in der selben Gegend in den vergangenen Monaten. Geheime Elemente innerhalb des deutschen Staates unterstützen diese Angriffe“, zitiert ihn das türkische Blatt. Frühere Angriffe von Neo-Nazis dürften jetzt nicht vergessen werden.

In diesem Zusammenhang habe Şen auch den Verdacht auf Vertuschung geäußert, indem er auf einen Vorfall aus dem Jahre 2008 verwiesen habe. Zu jener Zeit sei es der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer gelungen, den Eindruck zu vermitteln, dass alles in Ordnung sei. Dann im letzten Jahr die Wende und die Untersuchungen seien wieder aufgenommen worden.

Brandanschläge der jüngsten Vergangenheit wirken nach

Vorbelastet hätten nach Ansicht der Zeitung aber auch eine Reihe weiterer Vorfälle in jüngster Vergangenheit. Erst im vergangenen September, so schreibt das Blatt weiter, habe es einen Brand gleich in zwei Mehrfamilienhäusern in Bremen gegeben. 30 Personen mussten damals ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Wohnungen hätten sich in der selben Straße befunden und seien von Deutschen türkischer Herkunft bewohnt worden. Anders als im aktuellen Fall sei man dort jedoch von Brandstiftung ausgegangen. Insgesamt 29 Menschen erlitten Rauchvergiftungen. Die meisten Verletzten seien Türken, aber auch Personen bulgarischer und arabischer Abstammung, darunter neun Kinder und ein Baby, gewesen. Ein arabischer Teenager sprang aus dem ersten Stock und zog sich dabei ernsthafte Verletzungen zu. Erst im August zuvor gab es einen Brand in Dortmund. Dabei starben drei Kinder einer türkischen Familie. Zuvor kam es im Februar 2008 zu einer Katastrophe in Ludwigshafen. Auch hier starben neun Türken, darunter fünf Kinder. Schließlich verweist die Zeitung auf das wahrscheinlich schlimmste Trauma: Den Brandanschlag von Solingen 1993.

Behörden schlossen rassistisches Motiv zu schnell aus

In Anbetracht dieser Bilanz sei ein nachhaltiges Misstrauen nicht verwunderlich. Das sieht auch Arif Ünal so. Im Gespräch mit der Zeitung fasst der Sprecher für Integrationspolitik, Gesundheitspolitik und interreligiösen Dialog der Grünen im Landtag NRW, zusammen:  Es gebe in der Vergangenheit viele tragische Ereignisse wie Mölln und Solingen. Doch viel wichtiger sei in diesem Zusammenhang der Umstand, dass die Behörden in solch kurzer Zeit einen rassistisches Motiv ausschlossen. Dies habe zu großer Sorge und zu einem Vertrauensverlust geführt. Ihm, so gesteht er, ergehe es nicht anders. Schließlich hätten die NSU-Morde gezeigt, dass die deutschen Ermittler schnell damit wären, die Möglichkeit eines rassistischen Motives auszuschließen. Auf der anderen Seite hätten der Ministerpräsident Baden-Württembergs als auch der Innenminister mit ihrem Besuch des Unglücksortes ein wichtiges Zeichen für die Bevölkerung gesetzt. Dass Vertreter der Bundesregierung fehlten, bedauere er jedoch.

Um das Vertrauen wieder herzustellen, so Ünal, müssten die deutschen Behörden bei jedem Brandunfall, in den Migranten involviert sind, auch eine sorgfältige Prüfung hinsichtlich eines möglichen Brandanschlags durchführen. Er jedenfalls sei zuversichtlich, dass das verloren gegangene Vertrauen wieder erlangt werden könne, solange Politiker vernünftiger und verantwortungsvoller damit umgingen. Darüber hinaus müssten jedoch auch die Sicherheitskräfte mehr am Thema Prävention arbeiten.

Bei dem Feuer am vergangenen Sonntag starben Nazlı Özcan Soykan (40) und ihre sieben Kinder Hatice Soykan (17), Yılmaz Soykan (14), Abdülkadir Soykan (8), İzzet Soykan (7), Yasin Soykan (6), Ahmet Soykan (3) und Murat Soykan (sechs Monate).

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