Simon Wiesenthal Center: „Wir observieren Online-Extremisten weltweit“

Das Simon Wiesenthal Center sagt: Es gibt tausende von Hass-Seiten im Internet. Dazu zählen neben rechtsradikalen auch terroristische Seiten. Die Gefahr: Radikalisierung im Internet und anschließende Gewalt-Aktionen. Ein Zusammenhang zwischen Wort- und Tatgewalt, sei zu beobachten. Aber auch detaillierte Anschläge werden online geplant. Beispiele habe es in den USA gegeben.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wieviele rechtsradikale Internet-Seiten gibt es?

SimonWiesenthal Center : Es gibt derzeit 20.000 Hass- und Terroristen-Seiten, die vom Simon Wiesenthal Center aufgespürt worden sind. Diese Art von Seiten tauchen in vermehrter Weise in sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook auf. Täglich kommen auch bei Twitter neue Hass-Seiten hinzu. Das können wir beobachten. Diese verlinken dann ihre Seiten auf andere Internet-Seiten, Blogs, Facebook-Seiten und weiteren Auftritten.

Der rasante Anstieg an Hass-Seiten ist damit zu erklären, dass es zunehmend leichter wird kostenlose Homepages einzurichten. Auch andere Dienstleistungen sind zunehmend, kostenlos im Internet zu erhalten. „Tumblr“, „Instagram“ und „Weebly“ sind hier als Beispiele zu nennen.

Wir stoßen auch immer öfter auf „Memes“ (Internet-Phänomene), die durch die Nutzung von mememaker.net, quickmeme.com, memegenerator.net und weiteren Anbietern designed und verbreitet werden. Das sind keine Hass-Seiten. Sie können dazu genutzt werden, um selbsterstellte Hass-Symbole oder Hass-Bilder zu verbreiten. In der Regel werden jene „Memes“ als Fotos bei Online-Profilen eingesetzt. Dies beinhaltet auch Facebook und Twitter.

Ich kann Ihnen eine Seite nennen, die genauer beobachtet werden sollte. Die nennt sich VK.com und ist eine Facebook-Nachahmung. Insbesondere Menschen aus Mittel- und Osteuropa nutzen diese Seite. Dann ist da natürlich noch Youtube, das von Extremisten genutzt wird, um Hass-Musik oder Anleitungen zum Terrorismus zu verbreiten.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wieviele deutsche Hass-Seiten gibt es?

SimonWiesenthal Center : Unseren Schätzungen zufolge gibt es einige hundert dieser Seiten. Es könnten auch mehr sein. Es ist schwer eine genaue Anzahl anzugeben. Die meisten deutschsprachigen Hass-Seiten nutzen US-amerikanische Server, um dem Zugriff des deutschen Gesetzgebers zu entkommen.

Wir können beobachten, dass deutschsprachige Hass-Propaganda insbesondere auf Youtube und anderen Video-Plattformen auftauchen. Hierbei handelt es sich nicht nur, um Musik-Videos, sondern auch um Nazi-Propaganda Videos.

Deutsch Türkische Nachrichten: Beobachten Sie diese Seiten? Wie beugen Sie diesen Seiten vor?

SimonWiesenthal Center : Wir verfolgen so viele Seiten, wie wir können. Das Simon Wiesenthal Center ist eines von wenigen Organisationen, die umfassend Hass-Seiten und Terrorismus-Seiten im Internet ausforschen. Es ist wahrlich eine sehr anstrengende Aufgabe. Die beste Vorbeugung können die AGBs (Allgemeine Geschäftsbedingungen) der einzelnen Anbieter liefern. Viele AGBs beinhalten Paragraphen, die die Verbreitung von Hass-Propaganda unterbinden sollen. Doch leider gibt es noch einige Anbieter, deren AGBs unausreichend ausgestaltet sind..

Facebook nimmt dieses Problem sehr ernst und löscht wöchentlich hunderte bis tausende Facebook-Auftritte. Doch Youtube nimmt Hass-Propaganda weniger ernst.
Nur wenige Seiten werden gelöscht. Twitter ist nahezu inaktiv in diese Hinsicht.
Twitter erklärte sich in der Vergangenheit nur unter großem öffentlichen Druck bereit, einige Terroristen-Seiten zu löschen.

Die „HSM Press“ Seite auf Twitter ist das Sprachrohr der Al-Schabab Mudschahidin in Somalia. Al-Schabab ist ein Ableger von Al-Qaida. Erst als die „HSM Press“ die Tötungs-Drohungen gegen westliche Geiseln verbreitete, entschloss sich Twitter die Seite zu schließen. Doch zwei Wochen später durfte sie weiter ihre Popaganda verbreiten.

Deutsch Türkische Nachrichten: Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Radikalisierung im Internet und extremistischen Attacken?

Extremisten nutzen das Internet, um ihre Zuschauer zu inspirieren und Vorschläge für Aktionen zu liefern. Wir können eine Reihe von Hass-Verbrechen beobachten, deren Vollzieher sich vorher im Internet radikalisiert haben. Es gibt auch Beispiele von Personen, die kriminelle Übergriffe und Aktionen im Internet geplant und dann ausgeführt haben.

Im US-Präsidentschafts-Wahlkampf 2008 beschlossen zwei „weiße Rassisten“ die Ermordung von 102 Afro-Amerikanern. Der damalige amerikanische Senator Obama stand auch auf der Liste. Die Planung lief über MySpace. Die Zahl 102 hat eine symbolische Bedeutung in der rechtsradikalen Szene. 88 wird mit 12 addiert und ergibt 102. 88 steht für „Heil Hitler“, da der achte Buchstabe des Alphabets ein H ist. Die Zahl 14 steht für die 14 Worte „We must secure the existence of our people and a future for white children” („Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für weiße Kindern sichern“).

Ein anderes Beispiel ist Coleen LaRose alias Jihad Jane, die zum Islam konvertierte und sich radikalisierte. Über die Nutzung von sozialen Netzwerken rekrutierte sie sieben Leute aus dem Ausland, um den schwedischen Mohammed-Karikaturisten Lars Viks zu ermorden. Die Radikalisierung von Menschen per Internet wird von den Strafverfolgungs-Behörden sehr ernst genommen. Für die Observation werden regelmäßig Beamte ausgebildet.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie viel Organisationen gibt es, die derartige Seiten observieren?

SimonWiesenthal Center : Alle Organisationen, die sich mit Terrorismus-Seiten, Hass-Seiten oder fundamentalistischen Seiten beschäftigen beobachten das Internet. Doch die meisten von Ihnen beschränken sich auf ihre Interessen-Gebiete wie zum Beispiel Homophobie, eine bestimmte Religion, eine bestimmte Ethnie oder andere Gruppen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was können wir als Durchschnitts-Bürger tun, um solche Organisationen in ihrem Kampf gegen Hass-Seiten zu unterstützen?

SimonWiesenthal Center : Zwei Dinge sind möglich. Zum einen gibt es eine Menge von sozialen Netzwerken, die Beschwerde-Stellen haben, um aggressives Material zu dokumentieren. Dort können die Bürger Hass-Seiten melden. Obwohl wir die Erfahrung gemacht haben, dass man auf taube Ohren stößt, sollte man diese Möglichkeit trotzdem in Betracht ziehen. Denn je mehr Menschen sich melden, desto besser.

Die andere Möglichkeit ist, dass Bürger Material und Informationen über Hass-Seiten an das Simon Wiesenthal Center senden. Wir haben unter der E-Mail-Adresse ireport@wiesenthal.com ebenfalls eine Anlauf-Stelle.

Das Simon Wiesenthal Center ist eine internationale jüdische Menschenrechts-Organisation mit Hauptsitz in Los Angeles. Sie wurde 1977 gegründet uns ist nach dem österreichischen Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal benannt. Weitere Sitze hat sie in Miami, New York, Jerusalem, Paris und Buenos Aires.

Einige Mitarbeiter des Simon Wiesenthal Centers werden auch als „Nazi-Jäger“ bezeichnet. Es gibt eine aktuelle Liste von NS-Kriegsverbrechern, nach denen das Center fahndet und sie vor die Justiz bringen möchte. Die Liste der „Operation Last Chance“ enthält genaue und aktuell Fahndungs-Details.

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