Kampf für Pflegekinder: Türkei will vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen

Der Fall des kleinen Yunus, der bei gleichgeschlechtlichen Adoptiveltern in Holland lebt, hat nun zahlreiche weitere Eltern auf den Plan gerufen, die die Herausgabe ihrer Kinder fordern. Mittlerweile hat sich sogar das türkische Premierministerium eingeschaltet. Die Fälle sollen an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) übergeben werden.

Die türkische Mutter des inzwischen neunjährigen Yunus machte den Anfang. Im Fernsehen verlangte sie die Herausgabe ihres Sohnes, der ihr im Alter von sechs Monaten von den niederländischen Behörden entzogen wurde (mehr hier). Nun, so berichtet die türkische Zeitung Zaman, habe ihr Beispiel Schule gemacht. Gleich Dutzende türkische Familien, die in Europa lebten, hätten sich gemeldet und behauptet, ihre Kinder seien in Pflege- bzw. Adoptivfamilien gegeben worden, ohne dass ihrer Ansicht nach trifftige Gründe vorgelegen hätten. Mit diesen „rechtswidrigen“ Fällen solle sich nun der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) befassen.

Unter den Fällen, so berichtet das Blatt weiter, sei auch der des kleinen Yunus (mehr hier). Seine Mutter Nurgül Azeroğlu hatte sich in einem öffentlichen TV-Appell an Premier Recep Tayyip Erdoğan gewandt. Dabei räumte sie allerdings auch ein, ihren Sohn als Baby in der Tat versehentlich fallen gelassen zu haben. Das hatten die Behörden seinerzeit unter anderem als Grund für die Inobhutnahme angeführt. In der vergangenen Woche stattete der Premier nun tatsächlich den Niederlanden einen Besuch ab, im Zuge dessen er das Thema zur Sprache brachte. Sein Amtskollege Mark Rutte lehnte eine Debatte auf Ministerialebene über diese Angelegenheit jedoch ab.

Angst vor Protesten: Frauen tauchen mit Yunus unter

Die Türkei ist ein mehrheitlich muslimisches Land mit einer weitgehend säkularen politischen Geschichte, dennoch sind viele Türken hinsichtlich Themen wie Homosexualität konservativ eingestellt. Diese Einstellung bekamen schließlich auch die beiden Mütter von Yunus zu spüren. Auf Grund der zunehmenden Proteste mussten diese mittlerweile sogar den Wohnort wechseln. Zwar soll es bisher keine expliziten Drohungen gegen die Frauen und den Jungen gegeben haben, doch der Kleine sei seit dem Interview seiner leiblichen Mutter vorsorglich aus der Schule genommen worden.

Auch der stellvetretende Premier Bekir Bozdağ hatte sich eingeschaltet. Noch einmal stellte er heraus, dass die Türkei nicht grundsätzlich gegen eine Unterbringung in Pflegefamilien wäre, wenn dies im Interesse der Kinder geschehe. Allerdings habe man davon erfahren, dass die Gründe für eine Wegnahme nicht immer solide und objektiv gewesen wären. Genau gegen so etwas stelle man sich nun. Auf der anderen Seite fürchtete er vor einigen Wochen noch lautstark die Assimilation der Kleinen (mehr hier).

Lebensweisen der Eltern nicht mit Kindern vereinbar

Erst im vergangenen Februar trat Ayhan Sefer Üstün, Vorsitzender der Parlamentarischen Untersuchungskommission für Menschenrechte, auf den Plan. Drei Kinder türkischer Herkunft sollen vom hiesigen Jugendamt in die Obhut homosexueller Paare in Belgien gegeben worden sein. Für ihn stellt dieses Vorgehen ganz klar eine Verletzung der Menschenrechte dar. Der Grund: Deren Lebensweise und Überzeugungen wären seiner Ansicht nach mit denen der Kinder alles andere als vereinbar (mehr hier).

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