Fast eine Million: Kinderarbeit in der Türkei ist nicht einzudämmen

In der Türkei leben im Augenblick rund 15.2 Millionen Kinder. 890,000 von ihnen erleben derzeit jedoch das, was sie eigentlich erst viel später erfahren sollten: Sie müssen arbeiten. Mit zunehmendem wirtschaftlichen Wohlstand wurde das Problem jedoch nicht eingedämmt - ganz im Gegenteil.

Die Zahlen des türkischen Statistikinstituts sind besorgniserregend: Fast eine Million Kinder in der Türkei sind derzeit von Kinderarbeit betroffen. 292,000 von ihnen sind gerade einmal zwischen sechs und 14 Jahre alt. 600,000 bewegen sich in der Altersspanne zwischen 15 und 17 Jahren. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet. Nur 49 Prozent der in der Türkei arbeitenden Kinder sind noch in der Ausbildung an weiterführenden Schulen. Mehr als die Hälfte geht gar nicht mehr zur Schule.

Der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre hat das Problem jedoch nicht abgeschwächt. Im Vergleich zum Jahr 2006 waren es 2012 sogar 3000 Kinder mehr. Mit einem Anteil von 23,5 Prozent, so berichtete Eurasianet bereits im Herbst 2012, habe das Land sogar eine der höchsten Raten der Kinderarmut unter den OECD-Ländern. Doch die geschätzten rund 900.000 sind wahrscheinlich nicht die ganze Wahrheit. Noch immer fehle der Türkei ein effektives Überwachungssystem für Kinderarbeit. Hinzu komme, dass viele der Arbeitgeber nicht registriert seien. Schwierig zu erfassen sind die Daten zudem, da nicht wenige der Kinder und ihre Familien durchwegs auf der Suche nach Arbeit seien und häufig von einem Job zum nächsten zögen.

Fast die Hälfte der Kinder in der Landwirtschaft

66 Prozent dieser Kinder, so informiert die Hürriyet weiter, lebten momentan in den Städten, nur 33 Prozent auf dem Land. Eingesetzt werde fast die Hälfte von ihnen im Agrarsektor. Dem Bericht zufolge seien etwa 44,7 Prozent der arbeitenden Kinder in der Landwirtschaft, 24,3 Prozent in der Industrie und 31 Prozent im Dienstleistungssektor beschäftigt.

„Familien sind oft auf die Kinder für ein zusätzliches Einkommen angewiesen“, fasst Dr. Ferdi Tani, Dozent für Gesundheitswesen an der Çukurova Universität von Adana, zusammen. Man könne das nicht einfach stoppen. Verschiedene Formen der Kinderarbeit würden vielmehr unterschiedliche Lösungen erfordern. Nach Angaben von Tanir habe die Türkei seit den 1990er Jahren jedoch erhebliche Fortschritte bei der Bekämpfung von Kinderarbeit gemacht. So sei die Zahl der arbeitenden Kinder für das Jahr 1999 noch auf 2,27 Millionen geschätzt worden. 2011 unterzeichnete das Land ein Abkommen der International Labor Organization gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit und versprach, die Kinderarbeit in Bereichen, die die Gesundheit des Kindes und die Sicherheit gefährden, darunter saisonale landwirtschaftliche Arbeit, Arbeit in der Schwerindustrie und arbeiten auf den Straßen zu beseitigen.

Oft werden Probleme nur lokal gelöst

Im Laufe der vergangenen sechs Jahre, so fasste Eurasianet zusammen, erschienen die Anstrengungen allerdings zum Stillstand gekommen sein. Während die Regierung in Ankara zwar versuchte, Probleme anzugehen, erschienen die Lösungen oft mehr lokal als national.

Ins europäische Gedächtnis schob sich das Thema Kinderarbeit in der Türkei erste Ende vergangenen Jahres mit Berichten über Kinder in türkischen Haselnuss-Plantagen, die dort für die Herstellung edler Schweizer Schokolade schuften.

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