Fragil und zerbrechlich: Türkisches Wirtschaftswachstum zeigt Anzeichen von Knochenschwund

Die türkische Wirtschaft hat in der vergangenen Dekade ohne Zweifel ordentlich an Fahrt aufgenommen. Doch unter der glanzvollen Fassade krankt es. Nach Einschätzung eines türkischen Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten ist die Situation gar mit einer Osteoporose vergleichbar. Was nach außen so stabil wirkt, kann schneller brüchig werden, als gedacht.

„Was ist der Stand in der Türkei nach zehn Jahren AKP-Regierung?“, fragt der türkische Ökonom und Wirtschaftsjournalist Mustafa Sönmez in einem Beitrag für die türkische Zeitung Hürriyet. Einige Beobachter, vor allem diejenigen aus dem Ausland, würden derzeit nicht allzu große Probleme sehen. Doch das, so die Ansicht des Fachmanns, ist nur die halbe Wahrheit. Er zieht den Vergleich zur tükischen Krankheit Osteoporose heran. Knochenschwund ist von außen nicht zu erkennen, es zeigen sich keine Symptome. Im Innern wird das Skelett jedoch immer anfälliger für Brüche, die auch noch schwer zu diagnostizieren wären.

Importe liegen deutlich über den Ausfuhren

Mit der türkischen Wirtschaft, so Sönmez, verhalte es sich genauso. Zwar sei diese in den vergangenen zehn Jahren stetig, wenn auch mit Schwankungen, gewachsen. „Aber das Wachstum enthält Fragilitäten und Schwachstellen.“ Schwächen sieht er vor allem mit Blick auf den internationalen Wettbewerb (mehr hier). Reales Wachstum finde nicht im Export, sondern auf dem heimischen Markt statt. Die Importe liegen deutlich über den Ausfuhren. Und selbst die Exporte seien sehr auf die Importe angewiesen. Und genau das sei eine Manifestation der Osteoporose. Die Wirtschaft schrumpfe (oder verliert ihre Größe in kommerzieller Hinsicht) und bücke sich. Da das Wachstum auf ausländischen Ressourcen basiere, brächen die Knochen, sobald sich ausländische Fonds zurückziehen.

Türkische Lira seit Jahren unterbewertet

Insgesamt, so der Ökonom, beruhe die Osteoporose des Wirtschaftswachstums auf drei Indikatoren: dem Zustrom ausländischen Kapitals, dem Wachstum und dem Leistungsbilanzdefizit (mehr hier). Denn die Wirtschaft wachse, wenn – und nur wenn – ausländisches Kapital ins Land ströme. Ausländisches Kapital werde für das Schulden-Management, die Aufrechterhaltung der Produktion und für die Konsumentenkredite benötigt. „Der Wechselkurs wird seit Jahren unterbewertet, um Fluss von ausländischem Kapital zu fördern“, mahnt Sönmez, der genau darin die größte Schwäche der Türkei sieht. Das, so stellte er bereits Mitte März dieses Jahres, auf Einladung des vidc (Wiener Institut für internationalen Dialog und Zusammenarbeit) in Wien heraus, habe zu massiven Einfuhren geführt, sogar Fleisch und Getreide seien im Ausland billiger als in der Türkei.

„Die Exporte steigen nicht einmal ansatzweise so rasch wie das BIP und machen mit 135 Mrd. Dollar nur mehr 17 Prozent der Wirtschaftsleistung von rund 800 Mrd. Dollar aus. Fast zwei Drittel der Wertschöpfung im Export beruht noch dazu auf Importgütern“, fasst hierzu auch das Industriemagazin zusammen. Das Ergebnis, so fährt er in seinem Beitrag für die Hürriyet fort, sei ein riesiges Leistungsbilanzdefizit. Im Spitzenjahr 2011 seien es  mit 75 Milliarden Dollar zehn Prozent des BIP Minus gewesen. 2012 dürften es wieder sieben Prozent, also 47 Milliarden, sein. Von Zeit zu Zeit sei es der türkischen Regierung zwar gelungen, das Fortschreiten der Osteoporose zu bremsen. Etwa im Jahr 2012, als die Wachstumsrate von 8,8 Prozent des Vorjahres plötzlich auf rund zwei Prozent gesenkt wurde. Doch genau solche Entwicklungen würden die Knochen der türkischen Wirtschaft nur noch brüchiger machen (mehr hier).

Doch wie soll die türkische Wirtschaft dem begegnen? „Zur Behandlung von Osteoporose empfehlen Experten die Zufuhr von ausreichenden Mengen an Calcium, durch Kalzium-reiche Ernährung und Kalzium-Präparate. Auch Sonnenlicht ist wichtig“, so der Fachmann. Doch das allein sei nach Ansicht der Experten nicht genug. Risikopatienten sollten auch körperlich aktiv sein. Angewandt auf die türkische Wirtschaft bedeute das, dass offensichtlich eine Inaktivität vorliege, nämlich der Konsum importierter statt heimischer Waren. Und das bewirke letztlich eine Schwächung der gesamten Knochenstruktur.

Therapie: Stärkung der heimischen Produktion

Eine Wirtschaft, die auf Deviseneinnahmen durch Konsum, statt auf einer Einnahmen aus Fremdwährung schaffenden Produktion basiere, könne seine Knochen nicht nähren. Die Wirtschaft könne so nicht vom Sonnenlicht profitieren, sondern leide Dunkelheit und Schwäche. Diese wirtschaftliche Struktur könne auch nur der geringsten Belastung nicht standhalten. Die Schatzkammer werde zwar durch finanzielle Disziplin und durch das Bemühen, Risse und Klüfte zu verhindern, zusammengehalten, aber das sei letzten Endes nichts anderes als eine Krücke. Um dies zu erreichen, würden nämlich die Knochen einer Klasse durch ungerechte indirekte Steuern und Privatisierungen gestärkt, während die der Mehrheit zerkleinert würden. Selbst wenn das Skelett von außen stark erscheine, verschlechtere es sich von innen. Insgesamt jedenfalls sei die Türkei im Begriff durch Osteoporose zu schrumpfen. Ein Umstand, so fragt er sich, der am Ende auch
die Politik, Diplomatie und das soziale Gefüge des Landes in Mitleidenschaft zieht?

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