Landwirtschaft: Türkische Bauern in der Schuldenfalle

Die türkischen Bauern haben einen schweren Stand. Aufgrund marktbedingter Preisniveau-Schwankungen ihrer Produkte in Kombination mit grenzenlosen kreditfinanzierten Käufen von Traktoren und Häusern, sind viele von ihnen in ihrer Existenz bedroht. Denn Pfändungen ihrer Güter stehen auf der Tagesordnung, weil sie die Tilgungsraten nicht mehr leisten können.

Bauern in der Türkei ging es nie gut. Doch derzeit dreht sich in ganz Anatolien eine Schuldenspirale, die das Aus für viele von ihnen bedeuten könnte. In den vergangenen Monaten wurde von der türkischen Presse, anhand des Schicksals von Ahmet Çubukçu, die katastrophale Situation der Bauern einschlägig dargestellt. Çubukçu hat im Alter von 56 Jahren aufgrund seines hohen Schuldenrückstands bei der Bank, Selbstmord begangen. Er hinterließ eine Frau und vier Kinder. Zuvor hatte er sich einen Kredit bei der Bank in Höhe von 86.000 Euro genommen.

Andere Bauern versuchen den Tilgungen aus dem Weg zu gehen, indem sie die Hypotheken auf ihre Ehefrauen überschreiben und Schein-Scheidungen vornehmen. Rechte an einer Immobilie werden von vielen Bauern abgetreten, um sie als Sicherungsmittel für Kredite einzusetzen.

2010 war die Türkei mit einem Umsatz in der Agrarwirtschaft in Höhe von 61,8 Milliarden Dollar das siebtgrößte Land der Welt. Dies bewog viele Privatbanken dazu, massenweise Kredite an Bauern zu vergeben. Hierfür warben sogar türkische Stars im Fernsehen in traditionellen Bauern-Klamotten.

Es wurden landesweit Marketing-Veranstaltungen für Kreditkarten veranstaltet. Die Zielgruppe waren die türkischen Bauern. Während die Summe an vergebenen Bauern-Krediten zwischen 2002 und 2012 noch ungefähr bei 226 Millionen Euro lag, liegt die aktuelle Gesamtsumme bei ungefähr 13,7 Milliarden Euro.

Am Dorf Açmabaşı in Sakarya lässt sich verdeutlichen, dass eine ganze Generation von Bauern in die Armut getrieben wurde. Der Dorfvorsitzende Alim Hoşgör berichtet dem Magazin Aksiyon, dass seine Gemeindemitglieder vom Haselnuss-Verkauf leben.

Im Jahr 2007 betrug der Kilopreis drei Euro. Das bewog viele Bauern dazu kreditfinanzierte Traktoren, Autos und Häuser zu kaufen. Es habe sogar Menschen gegeben, die die Kredite wahrlos ausgegeben haben. Im darauffolgenden Jahr sank das Preisniveau auf 0,9 bis 1,3 Euro. Die Dorfbewohner von Açmabaşı konnten ihre Haselnuss-Erträge nur zu einem Kilopreis, in Höhe von 0,7 Euro verkaufen.

Somit sei es für die Mehrheit von ihnen unmöglich gewesen, für die monatlichen Tilgungsraten ihrer Kredite aufzukommen. Anschließend wurden die Ländereien der Bauern per Zwangsvollstreckung gepfändet und stehen nun wieder zum Verkauf. Der Unterschied ist, dass der aktuelle Kaufwert per Hektar 12 mal höher ist, als der Kaufwert per Hektar im Zuge der Pfändung.

Das Ausmaß der Beschlagnahme von Gegenständen zum Zwecke der Gläubigerbefriedigung sei so groß, dass noch nicht einmal die türkische Bankenaufsichtsbehörde BDDK über genaue Daten verfüge.

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