Pflegekinder in Deutschland: Türkei entsendet Untersuchungskommission

Eine Delegation der parlamentarischen Kommission für Menschenrechte in der Türkei plant offenbar nach Deutschland zu reisen, um hier die Bedinungen für türkische Kinder im deutschen Pflegefamilien zu untersuchen. Angeheizt wurde das Thema durch den Fall des heute neunjährigen Yunus, der derzeit bei einem lesbischen Paar lebt.

Bereits seit einigen Wochen geistert das Thema türkische Pflegekinder in deutschen bzw. europäischen Familien durch die türkische Presselandschaft. Ausgelöst wurde die Debatte durch den heute neunjährigen Buben Yunus, der seit frühester Kindheit bei einem lesbischen Pärchen in den Niederlanden lebt und dessen leibliche Eltern sich nun im TV gemeldet haben, um ihn zurückzufordern (mehr hier).

Türken wollen mit deutschen Behörden sprechen

Auch in der Bundesrepublik wurde das Thema nicht zuletzt durch den türkischen Vizepremier Bekir Bozdağ aufs Tableau gebracht. Dieser fürchtete, dass türkischen Pflegekindern in Deutschland die totale Assimilation drohe und verlangte die Unterbringung der Kinder in muslimisch-türkischen Familien. Den deutschen Behörden unterstellte er Fehlentscheidungen (mehr hier). Nun, so berichtet die türkische Zeitung Zaman, werde bereits in Kürze eine Untersuchungskommission der parlamentarischen Kommission für Menschenrechte nach Deutschland reisen, wo sie das Thema mit den hiesigen Behörden besprechen wollen. Auf dem Programm stünden aber auch Besuche bei türkischen Familien, denen ihre Kinder von den Jugendämter weggenommen wurden. Wie Ayhan Sefer Üstün, Vorsitzender der Parlamentarischen Untersuchungskommission für Menschenrechte, informiert, seien viele überzeugt, dass die Jugendämter aus finanziellen Beweggründen heraus handelten.

Auf dem Schirm haben die türkischen Behörden das Thema bereits seit rund einem halben Jahr. Damals erhielten die Parlamentarier die ersten Beschwerdebriefe. Doch ganz gleich, so Üstün, was auch die Beweggründe seien, sei es auf der anderen Seite von großer Bedeutung, von wem die Kinder aufgenommen würden. „Dieses Problem erfordert mehr Sensibilität. Kinder werden wegen simpler Gründe aus ihren Familien genommen und wir sind dagegen. Es sollte nicht so leicht sein, ein Kind von seiner Familie wegzunehmen. Das sollte auf einer gerichtlichen Entscheidung basieren.“

Kommission zu Recherchen im Ausland beauftragt

Bereits Mitte Februar wurde bekannt, das Bozdağ die türkischen Vertreter im Ausland um Starthilfe in den Bemühungen, Yunus zurückzuholen, gebeten hat. Auch zur niederländischen Regierung wurde Kontakt aufgenommen. Gespräche des türkischen Premiers mit seinem niederländischen Amtskollegen scheiterten jedoch. Darüber hinaus wurde bereits zu diesem Zeitpunkt die Kommission für Menschenrechte im türkische Parlament beauftragt, Recherchen in anderen Ländern durchzuführen und einen Bericht über die Angelegenheit vorzulegen. Üstün erklärte damals, dass das Sorgerecht für ein Kind als ein „heiliges Recht“ zu betrachten sei, das nicht durch einen Verwaltungsakt beschlossen werden sollte (mehr hier).

„Wenn Kinder von ihren Familien genommen werden müssen,“, so betont er auch jetzt, „sollten sie in erster Linie an ihre Verwandten gegeben werden, aber leider ist das nicht so. Auch wenn die Kinder zu einer netten Familie gegeben wurden, lassen es die meisten Pflegefamilien nicht zu, dass das Kind seine biologische Familie sieht. Was aber noch schlimmer ist, [europäische] Familien lassen das Kind nicht in seiner Muttersprache sprechen.“

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