Islamrat: „Debatte um den Schwimmunterricht weder sachlich noch vertrauensbildend“

In die von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück angestoßene Diskussion um getrennten Sport- und Schwimunterricht hat sich jetzt auch der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland e.V. eingeschaltet. Deren Vorsitzender Ali Kızılkaya reagiert direkt auf die ablehnende Haltung von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er verweist unter anderem auf eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 1993.

„In seiner wegweisenden Entscheidung hat das Bundesverwaltungsgericht im Jahr 1993 entschieden, dass die Schulverwaltungen verpflichtet sind, alle ihr zu Gebote stehenden, zumutbaren organisatorischen Möglichkeiten auszuschöpfen, einen nach Geschlechtern getrennten Sportunterricht einzurichten und anzubieten. Aus welchem Grund daraus ein integrationspolitisch falsches Signal herzuleiten ist, bleibt unverständlich“, stellt der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kızılkaya, anlässlich der  jüngsten Äußerungen der Bundeskanzlerin zum Schwimmunterricht in einer den DTN vorliegenden Mitteilung klar.

Kanzlerin: Trennung ist das Gegenteil von Integration

Die Kanzlerin hatte die Äußerungen von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der sich im Rahmen einer „Klartext“-Veranstaltung in Berlin für getrennten Sportunterricht aus Rücksicht auf Schüler muslimischen Glaubens als denkbaren Weg aussprach, als „völlig falsches integrationspolitisches Signal“ bezeichnet. Wenn Menschen voneinander getrennt würden, so die Kanzlerin, sei das das Gegenteil von Integration. Für die migrationspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Sevim Dağdelen, hatte Steinbrücks Haltung ebenfalls nichts mit Toleranz, sondern mit Intoleranz zu tun (mehr hier).

Ganz anders betrachtet die Sache nun der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland e.V. Die Deutsche Islam Konferenz (DIK) des Bundesinnenministeriums empfehle ausdrücklich, dass „die Schulen einen Weg finden, einen nach Geschlechtern getrennten Sport- bzw. Schwimmunterricht einzurichten, an dem alle Schülerinnen bzw. Schüler teilnehmen“, heißt es hierzu. Verwiesen wird zudem auf eine Handreichung „Religiös begründete schulpraktische Fragen” aus dem Jahr 2009. Darin heißt es: „Erfolgreiche Integration ist darauf angewiesen, dass auch die Schülerinnen und Schüler im Sinne ihrer Persönlichkeitsentwicklung sowie Eltern alle Möglichkeiten konsequent nutzen, um eine umfassende Teilhabe zu erreichen.“ Umfassende Teilhabe beinhalte demnach, dass Schülerinnen und Schüler sowie Eltern sich auf die verfassungsrechtlich garantierte Religionsfreiheit berufen könnten. In puncto Schulbüchern ist kürzlich bereits ein Lückenschluss gelungen (mehr hier).

„Vertrauensvolle Kommunikation sieht anders aus“

Mit großer Verwunderung habe der Islamrat daher auch die aktuelle Debatte, in die sich zuletzt die Kanzlerin eingeschaltet habe, zur Kenntnis genommen. „Eine vertrauensvolle Kommunikation sieht anders aus“, so Kızılkaya. Es wirke nicht gerade vertrauensbildend, wenn man nicht sicher sein könne, dass über die Jahre die politische Stimmung umschlage und einmal gemeinsam Beschlossenes wieder in Frage gestellt werde. Erklärungsbedürftig erscheint dem Islamrat in diesem Zusammenhang auch die vorgetragene Auffassung, wonach die Monoedukation im Gegensatz zur Koedukation nicht hinreichend eine Verinnerlichung der Gleichberechtigung der Geschlechter durch die Schüler gewährleiste.

Auch hier verweist Kızılkaya auf eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 30. Januar 2013, wonach in der schulpädagogischen Theorie über Vorzüge und Nachteile monoedukativer Schulen bis heute kontrovers diskutiert werde. Bis heute habe sich keine einheitliche, unangefochtene Lehrauffassung über deren pädagogische Wertigkeit herausgebildet, auch nicht in Bezug auf ihre Eignung zur Verinnerlichung der Gleichberechtigung der Geschlechter durch die Schüler. Nichts anderes gelte hinsichtlich der Erteilung eines einzelnen Unterrichtsfachs. „Es gibt nicht wenige Stimmen in der Wissenschaft, die einen koedukativen Schwimm- und Sportunterricht pädagogisch und sportfachlich als nicht vertretbar ansehen“, verweist der Vorsitzende auf anderslautende Meinungen.

Entsprechende Zahlen aus der Sprint-Studie des Deutschen Sport Bunds würden ihn daher auch nicht verwundern. Demnach fänden etwa in Bayern 93,2 Prozent des Sportunterrichts, in Baden-Württemberg 88,3 Prozent und in Sachsen 73,8 Prozent des Sportunterrichts getrenntgeschlechtlich statt.

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