Syrien-Konflikt: Warum sich die Türkei keinen Angriff leisten kann

Der amerikanische Wissenschaftler und Direktor des Türkei-Programms am Washington Institute for Near East Policy, Soner Çağaptay, sagt: Die Türkei habe nicht die militärischen Mittel und Fähigkeiten eine unilaterale Invasion in Syrien durchzuführen. Außerdem kann sie sich derartige Abenteuer weder wirtschaftlich, noch innenpolitisch leisten. Der Widerstand im eigenen Land ist zu groß.

Ahmet Davutoğlus (hier links) Null-Problem-Politik ist schon längst vergessen (Foto: usembassylondon/flickr).

Ahmet Davutoğlus (hier links) Null-Problem-Politik ist schon längst vergessen (Foto: usembassylondon/flickr).

US-Wissenschaftler Soner Çağaptay ist der Auffassung, dass es eine Reihe von Gründen gebe, warum sich die Türkei keinen Einmarsch in Syrien leisten könne. Das türkische Militär habe nicht die Kapazitäten, Invasionen in fremden Ländern durchzuführen. Ihre Militär-Doktrin basierte über Jahrzehnte auf den Erfordernissen der Verteidigung.

Obwohl türkische Soldaten ihre herausragenden Fähigkeiten in Afghanistan unter Beweise gestellt haben, sei die direkte Teilhabe an einem Bürgerkrieg in Syrien weitaus komplizierter. Der türkische Generalstab sei sich über die Schwächen der eigenen Divisionen bewusst und halte sich zurück. Ohne die aktive Unterstützung Washingtons und der NATO wäre die Türkei bei einer Invasion Syriens völlig aufgeschmissen, meint Çağaptay in der amerikanischen Zeitschrift „The Atlantic“.

Überschwapp-Effekt bedroht die Türkei

Die AKP-Regierung habe noch weitere Gründe, um einer Intervention aus dem Weg zu gehen. Es leben ungefähr 500.000 türkische „Alawiten“ in der Türkei, die sowohl familiäre, als auch religiöse Bindungen zu den syrischen „Alawiten“ aufweisen. Eine kürzlich in Istanbul stattgefundene pro-Assad Demo habe gezeigt, dass viele von ihnen die Assad-Regierung unterstützen.

Ankara habe Angst davor, dass der Syrien-Konflikt auch auf die Türkei überschwappen könnte. Bei einer Invasion Syriens durch die Türkei würde die AKP-Regierung den syrischen Bürgerkrieg in das eigene Land tragen. Deshalb habe Ankara nur wenig Appetit auf militärische Abenteuer.

Zudem komme der Umstand, dass die türkischen „Aleviten“ und die CHP ebenfalls nicht einverstanden seien mit der Syrien-Politik der AKP. Bei mehreren Anlässen und Demonstrationen haben sie ihre Unterstützung für Assad verkündet. Der türkischen Regierung wird seitens „Aleviten“ und der CHP eine enge regionale Kollaboration mit den USA vorgeworfen. Damit seien beide Gruppen nicht einverstanden.

Im März haben mehrere CHP-Abgeordnete den syrischen Präsidenten Assad besucht und ihm ihre Unterstützung garantiert. Assad habe sich erfreut über das türkische Volk und die politischen Parteien gezeigt, welche – im Gegensatz zur türkischen Regierung – für Stabilität in Syrien einstehen. Çağaptay ist der Ansicht, dass die Widerstände in der türkischen Gesellschaft gegen einen Einmarsch in Syrien enorm seien.

Risiken in allen Bereichen

Nun stehe Erdoğan vor einem Scheideweg. Seine größte Errungenschaft für die Türkei sei die wirtschaftliche Leistung der vergangenen Jahre gewesen. Nur darauf ist sein Erfolg begründet. Das Land sei – im Vergleich zu seinen europäischen und nahöstlichen Nachbarn – das einzige stabile Land. Wenn sich an den aktuellen Bedingungen nichts ändert, werde Erdoğan auch die nächsten Wahlen gewinnen. Auch sein Traum von der Präsidentschaft könnte in Erfüllung gehen.

Doch wenn die Türkei in den Syrien-Krieg eintritt, werde die Türkei – wie ihre Nachbarn – zum Problemstaat. Denn dann würde die AKP die jährlichen Kapitalflüsse an der Istanbuler Aktienbörse in Höhe von 40 Milliarden Dollar gefährden. Denn jene Kapitalflüsse seien ausschlaggebend für das türkische Wachstum.

Zuvor hatte Soner Çağaptay im Gespräch mit den DTN gesagt, dass die Türkei, aufgrund ihrer Unterstützung für die syrischen Rebellen, aktiv beteiligt sei am Syrien-Konflikt (mehr hier). Medienberichten zufolge, versorge die Türkei die Rebellen mit Waffen und Geld, das aus Ländern wie Katar komme. Ankara könne es sich nicht leisten im Syrienkonflikt den Kürzeren zu ziehen, erklärte er. Mit anderen Worten: Ankara ist der Auffassung, dass Assad um jeden Preis gehen müsse. Die Türkei werde alles tun, um die Legitimation Assads zu untergraben. Deshalb unterstütze sie die syrische Opposition. Je länger der Konflikt dauere, desto wahrscheinlicher wird ein Überschwappen des Konflikts auf das Territorium der Türkei.

Offenbar steckt Ankara in einer Zwickmühle. Einerseits ist die türkische Regierung – aufgrund eigener Sicherheitsinteressen – angewiesen auf den Sturz Assads. Andererseits fehlen ihr die Mittel und Möglichkeiten das syrische Regime, auf dem direkten Weg selbst zu stürzen.

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