Tausende Tote sind genug: Einwohner von Mersin stellen sich gegen Chemiefabrik

Ein türkischer Mediziner und Umweltaktivist sagt: In Mersin sind ein Drittel der Bevölkerung krebskrank. Schuld an dieser Katastrophe ist das Unternehmen „Kromsan“, welches seit 1984 durch Giftmüll nahezu die gesamte Küste, den Boden und die Luft „verseucht“ hat. Doch „Kromsan“ interessiert das nicht. Das Unternehmen baut ihre Anlagen aus. Menschen, Pflanzen und Tiere sterben weiter.

Ist die Stadt Mersin, die sich an der türkischen Riviera befindet verseucht? (Foto: eutrophication&hypoxia /flickr).

Ist die Stadt Mersin, die sich an der türkischen Riviera befindet verseucht? (Foto: eutrophication&hypoxia /flickr).

Im Bezirk der Mittelmeerstadt Mersin, Kazanlı, fühlen sich die Einwohner allein gelassen. Sie protestieren seit Jahren gegen die „Machenschaften“ des türkischen Metallunternehmens „Kromsan“. Das Unternehmen hat im Jahr 1984 in Kazanlı eine Fabrik in Betrieb genommen, die sich seitdem nachteilig auf die Gesundheit der Bewohner von  Kazanlı und Mersin auswirkt.

Der türkische Mediziner Dr. Yüksel Burgutoğlu sagt, dass bis zum Jahr 1984 jährlich fünf bis zehn Menschen aufgrund von Krebserkrankungen starben. Doch ab jenem Jahr habe es jährlich tausende Krebstote in Mersin gegeben. „Jeder Dritte in unserer Stadt ist inzwischen krebskrank. Ich bitte euch alle, keinerlei Meeresfrüchte aus den Gewässern zwischen Kazanlı und Erdemli, zu verzehren“, zitiert die Tageszeitung Vatan den Umweltschützer Burgutoğlu.

2006 habe er und der örtliche Bürgermeister Kenan Yıldırım, Messungen in Kazanlı vorgenommen. Das Ergebnis sei verheerend gewesen. Das gesamte Gebiet sei verseucht. Es fanden sich überall in der Ortschaft Chrom(VI)-Oxide, die als hochgradig krebserregend eingestuft wurden. Zudem liegen die chromathaltigen Stäube in der Atemluft über der erlaubten Obergrenze.

„Wir haben die Proben auch im Ausland testen lassen, um eine endgültige Sicherheit zu haben. Die Ergebnisse waren erschreckend und deckten sich mit unseren Befunden“, erklärte Yıldırım der Zeitung Vatan.

Aber nicht nur die Menschen leiden unter dem Giftmüll, der offenbar in die Gewässer, den Boden und in die Luft abgegeben wird. Auch zahlreiche Tierarten sind davon betroffen. So wurde kürzlich an der Küste von Mersin ein Massensterben von Meeresschildkröten beobachtet.

Unter ihnen ist auch die Suppenschildkröte, welche nach dem Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen internationalem Schutz untersteht. Bei ihnen wurden massive Überreste von Giftmüll im Organismus entdeckt. Das türkische Unternehmen „Kromsan“ kam mit einer Geldstrafe glimpflich davon.

Unfassbar für Dr. Yüksel Burgutoğlu ist, dass der chromhaltige Giftmüll in der Vergangenheit vom ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt Mersin, Okan Merzeci, unter die neu gebauten Asphaltstraßen gestreut wurde. Im Bereich der Landwirtschaft und beim Hausbau wurde es als Füllungen benutzt. Vor der „Kromsan“-Fabrik seien 1.75 Millionen Tonnen an Giftmüll deponiert, die eben jene gefährlichen Chrom(VI)-Oxide beinhalten. „Der Tod geht herum in Mersin“, zitiert die Zeitung Aydınlık Burgutoğlu.

Doch es kommt noch dramatischer. „Kromsan“ ist dabei, seine Fabrik zu erweitern. Eine wesentlich schädlichere Anlage mit der Kapazität von 70.000 Tonnen Schwefelsäure ist im Bau.

Der Vorsitzende der Union der Gemüseproduzenten im Bezirk Akdeniz der Stadt Mersin, Tansel Izgi, erklärte im vergangenen Jahr in einer Mitteilung, dass durch den Bau der neuen Anlage die Anbaugebiete, Wasserquellen und die Luft noch stärker „verpestet“ werden. Dies wolle man als Bürger nicht hinnehmen. Offenbar bleiben die Hilferufe der Einwohner auch diesmal ungehört.

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