Der Fall Fazıl Say: Die Türkei als islamistischer Front-Staat

Dem weltberühmten Pianisten Fazil Say droht ein Schicksal wie Salman Rushdie. Seit seiner Verurteilung durch die Türkei wegen „Beleidigung der Religion“ kann er nur noch unter strengen Sicherheitsvorkehrungen auftreten. Er ist praktisch zum Freiwild für islamistische Terroristen geworden. Die Türkei hat sich mit dem Urteil als islamistischer Front-Staat demaskiert: Entgegen allen Beteuerungen hat das Erdoğan-Regime den Islam zur Staatsräson erhoben. In dieser Verfassung hat die Türkei nichts in Europa verloren.

In der Türkei wird gern und viel gejammert, vor allem vom politischen Establishment aus der Regierungs-Partei des Premiers Recep Tayyip Erdoğan. Die Türken beklagen, dass die EU die Beitrittsverhandlungen verschleppt, weil die EU ein Christen-Club sei, und daher die Türkei als nicht-christliche Nation ausgegrenzt wird.

Die Verurteilung des weltberühmten Pianisten Fazıl Say wegen angeblicher „Religions-Beleidigung“ zeigt beispielhaft, dass die Türkei in ihrer derzeitigen Verfassung nicht nur nichts in Europa verloren hat. Wirklich religiöse Muslime wenden sich mit Grauen von einer solchen Politik. Unter deutschen wie türkischen Muslimen herrscht Unverständnis, wenn man mit ihnen spricht. Keiner hält das Urteil für angemessen. Sie sehen die Gefahr, weil sie sich ohnehin tagtäglich gegen den politisch motivierten Islamismus abgrenzen müssen.

Die Türkei ist, entgegen den Schalmaien-Tönen, durch die AKP-Eliten von Erdoğan zu einem islamistischen Frontstaat geworden. Sie spielt das gefährliche Spiel des internationalen Islamismus mit, indem sie diskrete Signale aussendet, die der islamischen Welt signalisieren sollen: Wir spielen nach euren Regeln!

Dabei opfert sie Menschen – rücksichtslos, herablassend, kalt.

Das jüngste und prominenteste Opfer ist Fazıl Say. Er wurde mit Bedacht ausgewählt. Er eignet sich hervorragend, um eine versteckte islamistische Agenda zu orchestrieren.

Der Fall trägt alle Facetten einer kultivierten Fatwa – auch wenn die Türken das natürlich nicht so nennen.

Am 5. April 2012 re-tweetete Say eine Nachricht auf dem Kurzmeldungsdienst Twitter, die auf den Dichter Omar Khayyam zurückgehen soll. Der Text ist ein Gedicht:

„Du sagst, durch die Bäche wird Wein fließen, ist das Paradies etwa eine Schänke? Ich werde jedem Gläubigen zwei Jungfrauen geben, sagst du, ist das Paradies etwa ein Freudenhaus?”

In einem zweiten Tweet schrieb Say über einen Muezzin, der offenbar große Eile mit seinem abendlichen Ruf hatte:

„Der Muezzin trägt seinen Gebetsruf zum Abendgebet in 22 Sekunden vorgetragen. Prestissimmo con fuco!!! Warum diese Eile? Eine Geliebte? Der Raki-Tisch?“

Zu Says kontroversesten Nachrichten gehörte der Tweet:

„Ich weiß nicht, ob ihr es bemerkt habt, aber überall, wo eine Laus ist, keine Einheit, Zwielicht, ein Dieb oder ein Narr, da handelt es sich um einen Allah-Anhänger.“

Am Montag verurteilte ein Gericht in Istanbul Fazıl Say zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung. Die Begründung des Gerichts folgte am Donnerstag und umfasste zehn Seiten.

Das Gericht vertritt die Auffassung, Says Äußerungen seien nicht innerhalb der Grenzen der Meinungsfreiheit und dass diese ihm nicht das Recht gebe, religiöse Werte zu verletzen. Die Aussagen Says verletzten die ersten und die dritte Klausel des Artikels 216 des türkischen Strafgesetzbuches (TCK). Diese Klauseln betreffen die Straftatbestände „Schüren von Hass und Feindschaft in der Öffentlichkeit““ sowie „Beleidigung religiöser Werte“.

Das Gericht sagte in seiner Begründung, dass es erwiesen sei, dass Say offen die heiligen Werte des Islam, des Christentums und des Judentums, wie Himmel, Hölle und Jungfrauen in seine Tweets beleidigt habe.

Die Begründung wörtlich:

„Auf Grundlage des Paragraphen TCK 216/3 können gegen eine Person, die eine gesellschaftliche Gruppe auf Basis ihrer sozialen Herkunft, der Rasse, der Religion, der Konfession oder ihres Geschlechts verunglimpft, rechtliche Schritte unternommen werden.“

Das Gericht sagte, dass Gläubige, die er als „Allah-Anhänger“ bezeichnet, nicht mit jenen Worten versehen werden dürfen, die Say verwendete: „Laus, keine Einheit, Zwielicht, Dieb oder Narr.“

Zehn Monate Gefängnis wegen ein paar elektronischer Kurznachrichten, versendet an einen überschaubaren Freundeskreis. Zehn Monate Gefängnis wegen Beleidigung von etwas, an das man glauben kann oder nicht.

Denn das Gericht schloss sich den Klägern an. Einer der drei Kläger, der Bauingenieur Ali Emre Bukagili, Anhänger eines dubiosen Gurus mit dem Namen Adnan Oktar alias Harun Yahya, der auch noch zahlreiche andere Leute wegen Religions-Beleidigung verklagt hat, sagte zur Eröffnung des Prozesses den entscheidenden Satz:

„Gott existiert. Das ist offensichtlich. Wir können nun darüber reden.“

Gott, von dem Ali Emre Bukagili weiß, dass es ihn gibt, steht über dem Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung.

Fazıl Say glaubt nicht an Gott. Das ist sein Problem. Wie aber die islamische Öffentlichkeit auf das Urteil reagiert hat, ist ein Problem, das auch Europa angeht.

Denn das Urteil – so absurd es ist – ist das eine. Man könnte sagen: Das sind eben Gesetze aus dem Mittelalter, ändert sie und die Sache ist gut.

Doch wie die Reaktionen in der islamischen Öffentlichkeit der Türkei zeigen, wird der Geist dieses Mittelalters immer noch gelebt.

Sehr subtil und äußerst perfide hat in der islamischen Öffentlichkeit der Türkei eine Hetz-Kampagne gegen Fazıl Say eingesetzt.

Der türkische Vizepremier Bekir Bozdağ eröffnete den Reigen der Schelte – scheinbar freundlich, in der Sache knallhart:

„Herr Say ist ein sehr guter Künstler. Wir sind stolz auf seine Kunst, aber seine Äußerungen verletzen die Werte der Menschen, die in diesem Land leben. Meiner Ansicht nach, können seine Worte nicht als geschützt von dem Recht auf freie Meinungsäußerung gelten. Es ist wichtig, zwischen der Meinungsfreiheit und der Freiheit zu verletzen zu unterscheiden.“

Das Recht auf Meinungsfreiheit, wenn es wirklich eines ist, kann eben nicht durch staatliche Einschränkungen verletzt werden. Das Recht auf Meinungsfreiheit besteht genau darin, dass jeder sagen kann, was er sich denkt.

Aber es geht der islamischen Öffentlichkeit in der Türkei nicht um die Meinungsfreiheit. Es geht ihr nicht um Fazıl Say. Es geht ihr nicht einmal um den Islam.

Es geht ihr darum, einen Pflock einzuschlagen für eine Islamisierung der türkischen Gesellschaft. Nach vielen Jahren der Unterdrückung des Islam durch eine brachial-kemalistische Elite schickt sich nun die brachial-islamische Elite an, den Staat nach ihren Vorstellungen zu prägen.

Diejenigen, die Morgenluft wittern, sind di Islamisten – in der Türkei und in aller Welt: Sie spitzen die Ohren und stellen fest: Es gibt einen neuen Sündenbock, den wir jagen können. Wo steckt Fazıl Say?

Fazil Say ist derzeit auf Konzert-Tournee in Deutschland. Am Samstag spielt er in München, am Sonntag in Göppingen.

Say ist schon dutzende Male auf Konzert-Tournee in Deutschland gewesen. Normalerweise schlendert er an den Nachmittagen durch die Stadt, trifft sich mit Freunden. Nach dem Konzert gibt er bereitwillig Autogramme, trifft seine Fans.

Das hat sich alles schlagartig geändert: Die Veranstalter sind nervös. Fazıl Say könne man in Göppingen weder vor noch nach dem Konzert treffen.
Wir fragen nach. Warum denn das?
Die Antwort des Veranstalters öffnet uns die Augen:

„Wir hatten ebenfalls gehofft, dass Herr Say wie sonst Autogramme gibt“

„In so einem Fall muss man auf alles gefasst sein“

„Es gibt immer wieder Menschen, die einem dann was Böses wollen…nach so einer Sache“

„Er wird nur auftreten, darüber hinaus nichts“

Die Jagd auf Fazıl Say ist eröffnet.

Und es ist eine Jagd auf Leben und Tod. Vermutlich wird Fazıl Say nun bis an sein Lebensende nur noch unter Polizeischutz musizieren können. Wird die großen Werke der europäischen Klassik – Mozart, Beethoven, Bach – nur noch interpretieren können von einem Passpartout des religiösen Irrsinns, der jeden Gewalttäter einlädt, sich als heldenhafter Verteidiger Allahs zu betätigen.

Die Jagd auf Fazıl Say ist eröffnet.

Und sie gilt nicht nur ihm.
Sie gilt all jenen, die es wagen, sich mit dem Künstler zu solidarisieren.

In der Türkei gibt es eine Zeitung, die mit gespaltener Zunge spricht. Es ist die von einer islamischen Bewegung finanzierte Zaman. Die Zeitung gehört zum Imperium des Predigers Fetullah Gülen. Sie versammelt die islamische Elite der Türkei und unterstützt Erdoğan und die AKP. Sie steht für den Wandel. Bisher hat die Zeitung recht glaubwürdig versucht, sich für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen.

In einer englischsprachigen Ausgabe gibt sich die Zeitung liberal und weltoffen. Auf türkisch, was die Welt nicht lesen kann, lässt sie die Maske fallen.

Zum Fall Say veröffentlichte die Zeitung einen Kommentar, der in jedem islamischen Land für den Pulitzer-Preis für islamistische Propaganda nominiert worden wäre.

In der Zaman schreibt Hüseyin Gülerce einen Kommentar unter dem Titel: „ Fazıl Say, respektier du uns auch!“ (in Anlehnung an seinen Namen, weil Say auf Türkisch die Befehlsform von respektieren ist):

„Sollte die Meinungsfreiheit nicht über die Dinge hinausgehen, die uns gefallen, niemandem schaden und keine Reaktionen hervorrufen?‘, rufen sie jetzt. In diesen Chor stimmen die ein, die schon vergessen haben, was vor einem Jahr geschrieben wurde und auch die, die mit ihrer liberalen Haltung Anerkennung erfahren haben. Gut, aber gehört denn nicht auch zur Aufrichtigkeit dazu, erstmal zu schauen ,was dieser Künstler gesagt hat, um verurteilt zu werden? Erst, wenn wir wissen, was er gesagt hat, können wir schauen, ob damit die Meinungsfreiheit beschränkt wird, dann sind nämlich auch wir dagegen.“

Gülerce zitiert dann aus den Äußerungen Says, auch aus älteren, in den Say unter anderem in einem musiktheoretischen Steit polemisierte: „Wer die Musikrichtung Arabesk hört, ist ein Vaterlandsverräter.“

Gülerce nützt den Fall Say, um zum Kampf gegen alle aufzurufen, die die Religion beleidigen so wie der Musiker. Er versteckt seine Drohung in eine Formulierung, die man gut aus totalitären Regimen kennt: Wir wollen wissen,wo unsere Feinde sind, und wir werden sie alle bestrafen:

„Diejenigen, die ihn verteidigen, sollen dann auch das, was er geschrieben hat wiederholen und verteidigen. Wenn sie es gutheißen, dass die Verunglimpfung des Glaubens und der Werte dieser Nation durch die Meinungsfreiheit abgedeckt werden, sollten wir das wissen.“

Der Kampf gegen die Religions-Skeptiker ist eröffnet. Er hat mit Fazıl Say einen neuen, symbolischen Feind erhalten.

Der türkische Ministerpräsident Erdoğan steht an der Spitze dieses Kampfes.

Auf die Frage eines türkischen Reporters, was er denn von dem Urteil gegen den türkischen Pianisten halte, antwortete Erdoğan einem Bericht der Zeitung Akşam zufolge:

„Bitte belästigen sie mich nicht mit diesen Leuten“.

Mehr Verachtung geht nicht.

Die Jagd machen die anderen.

Die Folgen sind für Fazıl Say selbst verheerend. Er selbst hatte in einer ersten Reaktion auf das Urteil noch relativ gefasst reagiert.

„Über die Entscheidung des Gerichts bin ich im Namen meiner Heimat sehr traurig. Aus der Perspektive der Meinungs- und Religionsfreiheit bin ich sehr enttäuscht. Trotz meiner Unschuld wurde ich verurteilt. Unabhängig von meiner Person ist das eine beängstigende Entwicklung für mein Land.“

Die Entwicklung sollten auch den Europäern die Augen öffnen: Die Türkei unter der AKP von Erdoğan verfolgt eine islamistische Agenda.

Der TV-Moderator Cüneyt Özdemir, der Say wegen früherer provokanter Äußerungen immer wieder attackiert hatte, schreibt in der Zeitschrift Radikal:

„In der Türkei gibt es nicht viele Leute, die Fazıl Say so entschieden kritisiert haben wie ich. Aber sogar ich denke, dass diese Strafe übertrieben, unnötig und skrupellos ist. Wir können Fazıl Say aufgrund seiner Meinung kritisieren, aber es gehört auch zu unserer Pflicht, ihn dabei zu verteidigen, seine Meinung äußern zu können. Nicht nur unsere, es sollte auch die Pflicht der Regierung sein. Und auch wenn ihr euch hinter der ‚Unabhängigkeit der Justiz‘ versteckt, wird euch keiner glauben, solange diese Gesetze immer noch nicht geändert werden. Meinungsfreiheit ist genauso wichtig wie wirtschaftliche Erfolge, außenpolitische Visionen und der Friedensprozess.“

Der Fall Say dokumentiert tatsächlich, dass es in der Türkei eine heimliche, islamistische Agenda gibt: Die Religion (also der Glaube an etwas, von dem kein Mensch weiß, ob es das wirklich gibt) wird zu einem politischen Faktor. Die Religion steht über den von allen – Gläubigen, Atheisten, Agnostikern – akzeptierten Regeln: Menschenrechte, Redefreiheit, Recht auf Kritik. Die Gemeinschaft ist wichtiger als der Einzelne. Gottallah wacht in Person von religiösen Funktionären über die Verfassung.

Im Falle des Islam wird ein solches System für den einzelnen zur existenziellen Bedrohung: Einmal als Feind der Religion abgestempelt, befindet sich der einzelne fortan auf der Flucht. Es braucht nur irgendjemand aus einer islamistischen Gruppe behaupten, dass Fazıl Say den Propheten durch zu lautes Klavierspiel verhöhnt hat – und schon besteht akute Lebengefahr für den Künstler.

Es ist kein Zufall, dass sich die türkischen Islamisten einen Prominenten ausgesucht haben: An ihm können sie dem gemeinen Volk zeigen, wohin die Reise geht. Man kann nicht alle Religionskritiker verurteilen. Das ist zu teuer und dauert zu lange.

Viel wirksamer ist es, aus einem weltbekannten Individualisten eine persona non grata zu machen.

Fazıl Say ist in der Welt der Islamisten nicht willkommen.

Die Islamisten bestimmen jedoch selbst, wo ihre Welt beginnt und wo sie aufhört.

Das kann am Samstag in München sein und am Sonntag in Göppingen.

Die westlichen Intellektuellen, die immer gerne für die Rechte der Minderheiten eintreten, haben sich im Fall Fazıl Say bedeckt gehalten. Laute Missbilligung in einigen Feuilletons – das war’s dann.

Die Grünen-Chefin Claudia Roth hat einmal im ZDF gesagt: „Wir müssen den Islam einbürgern.“

Fazıl Say hat angedeutet, dass er mit dem Gedanken spielt, die Türkei zu verlassen. Deutschland sollte dem Künstler die deutsche Staatsbürgerschaft anbieten. Say hat lange hier gelebt. Von 1987 bis 1995 studierte er in Düsseldorf und Berlin.

Deutschland sollte nicht den Islam einbürgern. Deutschland und seine Intellektuellen sollten ganz konkret und sehr leidenschaftlich für jene Menschen Partei ergreifen, die von islamistischer Politik an Leib und Leben bedroht werden, welche den Islam dazu missbraucht, um totalitäre Strukturen aufzubauen.

Fazıl Say ist kein Einzelfall. Er zeigt beispielhaft, wohin der Islamismus als politisches Konzept führt. Er zeigt, dass auch vergleichsweise moderne Staaten wie die Türkei extrem anfällig sind gegen Extremisten.

Der Kampf gegen dieses Konzept ist kein Ghetto-Job für türkischstämmige Abgeordnete in Europa, wie der österreichischen Landtagsabgeordneten Vahide Aydın oder der Linken-Politikern Sevim Dağdelen (mehr hier), die energisch gegen das Urteil protestiert haben.

Appeasement und Schweigen im Fall Fazıl Say sind unzulässig.

Wir werden sehen, ob europäische Politiker die Zeichen der Zeit verstehen. Wir erwarten entschiedenen Protest gegen das Urteil gegen Fazıl Say.

(Hier geht es zur türkischen Übersetzungen des Artikels)

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