Islam: Lale Akgün kontert Avni Altiners Angriff auf „Islam ist Barmherzigkeit“

Am 13. April dieses Jahres stand auf der Seite der Deutsch-Türkischen Nachrichten ein Artikel von Avni Altiner, dem Vorsitzenden der Schura Niedersachsen, der damit in einem mehrseitigen Schreiben Mouhanad Khorchides inhaltliche Positionen angegriffen hat. Es geht dabei um dessen Buch „Islam ist Barmherzigkeit“. Dieser Artikel hat viele empörte Reaktionen ausgelöst; eine davon ist im Folgenden von mir.

Altiners ellenlange Epistel, kunstvoll verbrämt als „Stellungnahme“, gibt uns detaillierte Informationen über das Selbst- und Islamverständnis des „organisierten“ Islam und seiner Verbandsvertreter, die sich oft und gern als „Religionsgemeinschaften“ und Vertreter aller Muslime in Deutschland hochstilisieren.

Unter dem Deckmantel der Empörung (Khorchide habe in einem Interview gesagt, Altiner habe „ein lebensfeindliches Verständnis“ des Islam) verbirgt sich nur notdürftig ein selbstherrlicher Absolutheitsanspruch, der keinerlei Infragestellung duldet, geschweige denn Zweifel oder Kritik.

Herrn Altiner scheint das Islamverständnis des Prof. Khorchide richtig Angst zu machen. In seiner Verzweiflung schlägt er um sich; Unterstellungen vermischen sich mit Schmeicheleien und Scheinheiligkeit, und sie sind an Betonköpfigkeit kaum zu überbieten.

Denn mal schreibt er, die islamischen Religionsgemeinschaften würden die Entwicklungen an staatlichen Hochschulen kritisch begleiten, um einen Staatsislam im Zuge der universitären Ausbildung zu verhindern (???) – eine Aussage, die an Unsinn nicht zu überbieten ist – (an welcher Hochschule in Deutschland wird denn bitteschön ein „Staatsislam“ propagiert?), dann wiederum dankt er Gott, dass „in diesem Land im Gegensatz zu manch einem als islamisch bezeichneten Staat die Religionsfreiheit bestünde“ (solche Sätze zeugen dem Scheine nach von Patriotismus und kommen bei Politikern gut an, nicht wahr, das glauben Sie doch, Herr Altiner?

Mal schreibt der Herr Altiner, dass es „auf muslimischer Seite große Vorbehalte und Bedenken gegen diese universitäre Ausbildung“ gäbe, „die wir als islamische Religionsgemeinschaften täglich zu entkräften versuchen“ (wenn das mal keine Scheinheiligkeit ist, Herr Altiner! Schließlich versuchen Sie ja gerade, die Freiheit eines Hochschullehrers zu beschneiden. Dabei scheint es Ihnen völlig egal zu sein, dass Sie damit der Lehre großen Schaden zufügen. Was „islamisch“ ist, wissen Sie genau – und natürlich nur Sie! Jedenfalls tritt Ihre wahre Gesinnung in dieser betonköpfigen Aussage deutlich zutage:

„Unislamische Glaubensüberzeugungen mit der Autorität und der Würde eines Professorentitels an einer Universität und der Unterstützung von nichtmuslimischen Vertretern der Medien als islamisch zu etikettieren und dies den Muslimen als den wahren Islam aufdrücken zu wollen, kann und werde ich jedoch nicht akzeptieren.“

Hier würgt Herr Altiner schnell noch den „Nichtmuslimen und natürlich den allzeit bösen Medien eins rein; die sollen gefälligst den Mund halten, wenn organisierte Muslime einen liberalen Vertreter des Islam in Deutschland zur Schnecke machen.

Wenn es denn stimmt, was Herr Altiner schreibt – d.h. wenn er nicht gerade mal wieder die Muslime vereinnahmt: „Neben Ditib Nord haben sich beispielsweise Vertreter von Schura Hamburg und auch Ditib Hessen ausdrücklich von seinen Thesen abgegrenzt und ihr Befremden darüber zum Ausdruck gebracht. Auch Ditib-Sprecher Bekir Alboğa hat die Thesen verurteilt und sich darüber sehr irritiert gezeigt.“, dann ist es umso schlimmer; dann ist das nicht die Meinung eines verbohrten Einzelnen, sondern der Vertreter mehrerer Islamverbände, die mit dem Anspruch auftreten, Partner des Staates zu sein.

Jetzt hören Sie bitte alle mal gut zu, auch Sie, Herr Altiner:
Auch wenn Sie wo möglich das Gegenteil behaupten: Ich bin eine Muslimin (also nicht eine von denen, die Ihrer Meinung nach sich nicht in die innerislamische Debatte einmischen dürfen) und ich möchte Ihnen deutlich sagen, dass die Positionen des Prof. Khorchide keineswegs unislamische Glaubensüberzeugungen sind. Er vertritt ein zeitgemäßes Gottes- und Menschenbild, und Sie sollten sich nicht anmaßen, ihm den Mund zu verbieten oder ihn als Wissenschaftler etwa kaltzustellen. Die Zeiten, in denen Sie und Ihresgleichen sich erdreisten konnten, die Meinungsführerschaft darüber zu beanspruchen, was islamisch und was unislamisch ist, sind vorbei, auch wenn Sie das noch nicht zur Kenntnis genommen haben.

Auch sind ja die Zeiten vorbei, in denen muslimische Vordenker aufgehängt oder geköpft wurden. Wenigstens in Deutschland. Aber stattdessen scheinen hierzulande einige Muslimvertreter andere Methoden zu bevorzugen, ihnen nicht genehme Wissenschaftler loszuwerden. Da drängt sich mir doch glatt die Frage auf: Wie lange darf Mouhanad Khorchide wohl noch auf seinem Lehrstuhl in Münster Platz nehmen?

Ach ja – wie haben Sie, Herr Altiner, doch so schön geschrieben? Gott sei Dank haben wir Religionsfreiheit in Deutschland!

Dr. Lale Akgün

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