Zurück in die Heimat: 250 türkische Wissenschaftler gestalten ihre Karrieren neu

Sowohl in der türkischen Politik als auch in der hiesigen Wissenschaft stehen derzeit die Zeichen auf einheimische „brainpower“. Ein ums andere Mal ertönt der Ruf, hochqualifizierte Fachkräfte mögen doch zurück in die Heimat kehren. Auch entsprechende Anreize wurden geschaffen. Jetzt scheint es, als würden die Bemühungen langsam Früchte tragen.

Das so genannte „Brain Drain“ der aussichtsreichsten türkischen Fachkräfte, die eine Karriere im Ausland einer Laufbahn in der Heimat vorzogen, gehört offenbar der Vergangenheit an. Mittlerweile, so berichtet die türkische Zeitung Sabah, seien 250 international tätige Wissenschaftler von einigen der renommiertesten Universitäten der Welt wieder zurück in die Türkei gekehrt. Die Gründe dafür, so heißt es weiter, seien im rasanten Wachstum der türkischen Wirtschaft sowie in der politischen Stabilität des Landes zu suchen.

Die „Superhirne“, wie das Blatt sie nennt, verließen die Türkei einst für Positionen etwa an der Stanford, John Hopkins oder an der MIT. Nun würden sie stetig in ihr Geburtsland zurückkehren und die bisher vorherrschende Vorstellung, dass die Türkei eben kein Land sei, in das man wieder heimkehre, ad acta legen.

„Hedef Türkiye“ informiert über Möglichkeiten

Wie der Minister für Wissenschaft, Industrie und Technologie, Nihat Ergün, erklärt, sei diese Entwicklung mitunter das Ergebnis der Bemühungen in den USA in den vergangenen vier Jahren. So hätten etwa ein Workshop des Wissenschafts- und Technologieforschungsrat der Türkei (TÜBİTAK) mit dem Titel „Hedef Türkiye“ sowie andere Zuschüsse und Förderprogramme 250 Forscher dazu bewegt, in die Türkei zurück zu gehen. „Durch Workshops unter dem Motto: ‚Let the brain drain become the brain return‘ wurden den Teilnehmern die Möglichkeiten, die jetzt in der Türkei existieren, vermittelt“, so Ergün. Und nun hätten sich einige tatsächlich dazu entschlossen, nachdem sie Anstellungen an Universitäten oder in der Industrie gefunden hätten.

Assistenzprofessorin Dr. Ayşe Begüm Tekinay von der Bilkent Universität ist so ein Fall. Warum sie sich zu einem Wechsel in die Türkei entschloss, erklärt sie dem Blatt wie folgt:  „Ich habe zehn Jahre lang auf dem Feld der Molekularbiologie an der Rockefeller University in den Vereinigten Staaten geforscht. Während dieser Zeit waren die Möglichkeiten in der Türkei äußerst begrenzt.“ Mittlerweile arbeite sie am UNAM-Center der Bilkent Universität und erfreue sich am hier vorherrschenden, frischen Interesse an der Wissenschaft.

Nihat Ergün appelliert an die Akademiker im Ausland

Von Politik und Wissenschaft werden diese Fachkräfte natürlich mit Kusshand aufgenommen. Schließlich gilt es, im internationalen Vergleich aufzurücken und den gerade surrenden Motor am Laufen zu halten. So ließ Ergün zuletzt erst Anfang April vor deutschen Wirtschaftsvertetern durchblicken, dass die Türkei derzeit alles daran setzt, ihre qualifizierten Leute im Land zu behalten, statt sie etwa wie bisher nach Deutschland ziehen zu lassen. Schließlich hat die Abwanderung von Arbeits- und Fachkräften der vergangenen Jahrzehnte zu einem Mangel an Personal im eigenen Land geführt. Der Minister hatte dem Wirtschafts-Rat daher nahe gelegt, dass die Türkei wiederum sehr gute Rahmenbedingungen für Fachkräfte aus dem Ausland biete. Sein Fazit: Deutschland solle der Türkei Fachkräfte schicken und nicht anders herum (mehr hier).

Seine Bestrebungen in diese Richtung sind nicht neu: Schon im Sommer 2012 appellierte Ergün an die im Ausland lebenden Akademiker: „Die Türkei ist kein Land mehr, in dem es Coups gibt und aus dem Menschen fliehen. Wir wollen, dass türkische Wissenschaftler zurück in unser Land kommen. Falls sie eine Rückkehr planen, dann sollten sie wissen, dass die Türkei nicht mehr das Land ist, das sie einst kannten.“ (mehr hier). Und auch TÜBİTAK-Präsident Yücel Altunbaşak hofft seither, dass sich in der Türkei eine Entwicklung vollzieht, wie sie einst im chinesischen Technologie-Sektor der 1990er Jahre beobachtet werden konnte. Diese, so ließ er verlauten, sei sicherlich dadurch zu erklären, dass zu jener Zeit eine Menge chinesische Studentinnen und Studenten, die ihren Abschluss in den USA gemacht hätten, zurück gekommen wären. „Wir wissen nicht, ob das der wirkliche Grund dafür ist, aber ich glaube an dieser Erklärung hängt ein bisschen Wahrheit dran.“

TÜBİTAK pumpt Milliarden in die Forschung

Derweil setzt auch die TÜBİTAK alles daran, den Industrie- und Wissenschaftsstandort Türkei attraktiver zu machen. Während türkische Studenten jährlich vier Milliarden Dollar in ein Studium im Ausland investieren (mehr hier), werden hierzulande zum Beispiel Millionen für die Entwicklung von Hybrid-und Elektro-Fahrzeug bereitgestellt, monetäre Anreize für wissenschaftlich hochwertige Veröffentlichungen in Aussicht gestellt, Milliarden in die Forschung gepumpt, ambitionierte Pläne für entsprechende Zentren geschmiedet (mehr hier) und versucht, bereits Schulkinder für die Wissenschaft zu begeistern.

Das Feld, so der Eindruck, wird derzeit gut auf künftige Ernten vorbereitet, die Elite entsprechend hofiert. Doch wie die zurückgekehrten Akademiker dann allerdings mit anderen Unwegsamkeiten, etwa mit den Einschränkungen, die das Land gerade hinsichtlich der Meinungsfreiheit bietet, zu Rande kommen, ist jedoch eine ganz andere Frage (mehr hier).

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