Bürgerkrieg in Syrien: Alte Schuld erzeugt neue Schuld

Der deutsch-türkische Sozialwissenschaftler, Alperen Çelik, sagt, dass es immer schwieriger wird, Täter und Opfer im Syrien-Konflikt zu unterscheiden. Die Rebellen als Freiheitskämpfer zu bezeichnen, sei ein Fehler. Denn sie gehen mit äußerster Brutalität vor. Für die AKP sei der Konflikt auch eine konfessionelle Frage. Sie ergreife Partei für alle sunnitischen Elemente, einschließlich der Rebellen.

„Denn welcher Mensch bleibt, wenn er nichts mehr scheut, gerecht?“

Diese Frage stellte uns und sich der griechische Dichter Aischylos schon vor über 2.500 Jahren. Er war auch derjenige, der anmahnte, dass in einem Krieg die Wahrheit immer das erste Opfer ist. Doch dass diese oft bereits zu Grabe getragen wird, noch bevor der erste Schuss überhaupt gefallen ist, hätte den Dichter und Schöpfer der griechischen Tragödie sicherlich selbst überrascht. Ja, es geht um Syrien.

Nach einem weiteren bewegten Jahr voller Umbrüche in der Region scheint es hierzulande noch immer Skeptiker zu geben, die anzweifeln, dass auf den arabischen Frühling der islamische Hoch-Sommer folgen wird. Auch Syrien wird hier keine Ausnahme darstellen und Tunesien, Libyen und Ägypten dahingehend folgen.

In Anbetracht der Vielzahl an regionalpolitischen Determinanten, die der Syrien-Konflikt beherbergt, darf man aktuell davon ausgehen, dass am Ende dieses Prozesses zwar sicherlich der Abschied Assads von der Macht stehen wird – doch den zeitlichen Rahmen, wann ein solch erzwungener Regimewechsel stattfindet und ob es sich dabei um Monate oder gar Jahre handeln wird, vermag derzeit niemand vorauszusagen. Fest steht allein, dass die Ära des einst praktizierenden Arztes Assad als eine Zeit der verpassten Chancen und vertanen Optionen in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Gleichzeitig bedeutet dies auch, dass die Weltgemeinschaft weiterhin Zeuge eines Krieges bleiben und werden wird, bei dem einige zehntausend Menschen ihr Leben verloren und sicher weitaus mehr ihre Heimat verlassen mussten. Sie wird auch Zeuge eines erbitterten Krieges, bei dem weder die genauen Frontlinien und -verläufe noch die Interessen miteinander konkurrierender Akteure klar abzustecken sind.

Das wichtigste Merkmal, das die Situation in dem für seine Multiethnizität und -religiosität einmal so geschätzten Syrien von anderen Schauplätzen unterscheidet, ist vor allem die Tatsache, dass sich dieser Bürgerkrieg auf der unmittelbaren Nebenbühne des Nahost-Konfliktes abspielt.

Zudem tangiert dieser Konflikt wie nirgendwo sonst so sehr divergierende Interessen internationaler und regionaler Akteure gleichzeitig. Die allenfalls als neohegemonial einzuordnenden Ambitionen der Türkei (Stichwort Neo-Osmanismus) als direkte Nachbarin und des Iran als mittelbarer Nachbar und eine Art natürlicher Bündnispartner wirken sich eindeutig katalysierend auf den Konflikt aus.

Die Rolle, Haltung und der damit einhergehende Einfluss weiterer Akteure wie Russland und China wie zu Zeiten des Kalten Krieges erübrigt sich auch, wenn man sich beispielsweise die syrisch-russischen Beziehungs- und Abhängigkeitsgeflechte, Handelsvolumina oder strategischen Partnerschaften in den vergangenen 35 Jahren vergegenwärtigt.

Doch sind es allein diese sicherheitspolitisch begründeten Aspekte und Risiken, die Syrien zu einem solch brisanten Fall machen? Wohl kaum. Seit nun mehr als einem Jahr hat sich auch ein weiterer Kriegsschauplatz etabliert, der vor allem mittels der Medien ausgefochten wird.

Wäre man sarkastisch, könnte man dies mit dem aus dem Amerikanischen stammenden geflügelten Wort „winning the hearts and minds“ beschreiben, nur in umgekehrter Richtung: bei diesem Krieg der Bilder erreicht uns das Leid der Menschen über die verwackelten Handyvideos der oft selbst Betroffenen aus den Kriegsgebieten; es sind die verpixelten Appelle, die uns über unsere PC- und Fernsehbildschirme erfassen.

Die harmloseren unter ihnen zeigen allenfalls Panzer, die gewaltsam gegen Demonstranten vorgehen oder Polizisten, die wehrlose Menschen wahllos niederknüppeln. Allen gemeinsam sind dabei stets zwei Merkmale, die miteinander in einer problematischen Beziehung stehen: zum Einen sind sie alle grausam und verstörend, zum Anderen nur sehr selten auf ihre Authentizität überprüfbar.

Daher dreht sich beim Fall Syrien – im Übrigen nicht anders als in jedem anderen Kriegsschauplatz auch – im Kern alles um die Frage, ob wir immer das sehen, was uns gezeigt wird. Mit anderen Worten: noch nie war es so schwierig zu differenzieren, wer in diesem Konflikt Opfer und wer Täter ist bzw. wodurch sich Opfer und Täter auszeichnen.

Es erfordert schon mehr als nur eine gehörige Portion Optimismus, wenn man die bewaffneten Gruppen in Syrien als lupenreine Demokraten heroisiert und sich darunter – vielleicht unter dem Einfluss der Selbstbezeichnung als „Freie“ Syrische „Armee“ – ein homogenes Kollektiv glühender Freiheitsanhänger vorstellt.

Genau um diese Kernfrage dreht sich auch unsere Haltung im Syrien-Konflikt: ist es denn moralisch vertretbar, für Gruppen Partei zu ergreifen, die vor laufenden Kameras im Namen ihres Gottes anderen Menschen Köpfe abschlagen und keinen Hehl daraus machen, dass sie eben ausdrücklich nicht für irgendeines dieser Werte kämpfen, für die wir sie unterstützen?

Darf man denn Gruppen unterstützen, die nicht davor zurückschrecken, offen kund zu tun, dass ihr Kampf einzig und allein der Herstellung einer steinzeitlichen und menschenverachtenden Ordnung gilt? Dürfen wir mit Gruppen überhaupt sympathisieren, die in solch erstaunlicher Offenheit ihre Zugehörigkeit zu terroristischen Vereinigungen zugeben und Kriegsverbrechen vor laufenden Kameras verüben?

Man könnte den Gedanken noch einen Schritt weiterfassen und folgende Frage in den Raum werfen: seit wann sind denn die Menschen, die man noch vor 10 Jahren als Terroristen geißelte und als Feinde unser aller Freiheit anprangerte, zu westlichen Bündnispartnern im Kampf gegen die arabischen Despoten im Nahen Osten avanciert?

Diese und weitere Fragen werden nicht einfach zu beantworten sein angesichts der medialen Rhetorik, die bereits seit dem Beginn der als „Frühling“ titulierten – anfangs tatsächlich sehr friedvollen, in Syrien inzwischen jedoch längst zu bewaffneten Aufständen und undurchsichtigen Machtspielen konkurrierender Milizen und Söldnergruppen untereinander verkommenen – Protestbewegung hierzulande herrscht: wir im Westen unterstützen die Protestbewegungen oft ohne zu differenzieren oder alle Protagonisten zumindest kritisch zu hinterfragen.

Mögen die hier gewählten Worte noch so polemisch daherkommen; es ändert nichts an der Tatsache, dass die demokratischen Staaten Europas unheimliche Bündnisse mit unheiligen „Gotteskriegern“ eingegangen sind, deren Tragweite an die nicht unheimlicheren Allianzen des Westens zu Zeiten des Kalten Krieges in Afghanistan erinnert.

Wer den Aussagen der derzeit in Syrien agierenden „Gotteskrieger“ zuhört, wird sich dieser tragikomischen Kontinuität schnell bewusst werden. Zu allem Überdruss sprechen einige dieser Herrschaften tadelloses Englisch und geben ihre in Libyen gesammelten „Erfahrungen“ auch noch als Referenzen an.

Ohne den Despotismus und die zutiefst undemokratischen Strukturen nahöstlicher Potentaten und ihrer Regime zu verteidigen sollte folgender These breiterer Raum eingeräumt werden: die derzeitige Entwicklung im gesamtarabischen Raum ist weder einer Konsolidierung der Region zuträglich noch wird sie mittelfristig imstande sein, den seit Jahrzehnten nach Freiheit, Frieden und Wohlstand hungernden Massen des Nahen Ostens diese Wünsche zu erfüllen, zumal die nun in den betreffenden Ländern an die Schaltzentralen drängenden Akteure völlig divergierende Agenden haben. Dies haben die Entwicklungen in Tunesien, Libyen und zuletzt Ägypten besonders eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Eine sich mittelfristig neu etablierende Sicherheitsarchitektur in der Region wird unter dem Einfluss der Machtübernahme der radikalislamischen Muslimbrüder in Ägypten und aller Voraussicht nach bald auch in Syrien zuerst insbesondere die Sicherheit des Staates Israel völlig neu definieren. In diesem Kontext müssen die abgebrochenen Beziehungen des NATO-Landes Türkei zu Israel neu bewertet werden: die neue Ausrichtung der türkischen Außenpolitik, die sich spätestens seit 2009 eindeutig nicht mehr mit europäischen Sicherheitsinteressen deckt, ist ein weiterer Hemmschuh.

Unter Einfluss der maßgeblich von Außenminister Davutoglu vorgegebenen neuen Leitlinien verfolgt das Land am Bosporus nämlich vehement eine zutiefst historisch begründete Akzentuierung seiner bis dahin westlich orientierten Außenpolitik, deren doktrinäre Fassung Davutoglu bereits vor mehreren Jahren in seinem Buch „Strategische Tiefe“ präsentierte.

Dabei nimmt Ankara den Verhandlungsstillstand – manche Experten sprechen gar von Abbruch – des einst euphorisch eingeleiteten EU-Beitrittsprozesses allzu wohlwollend in Kauf und profitiert zusätzlich von den sich hieraus ergebenden vermeintlichen außen- und sicherheitspolitischen Handlungsspielräumen.

Nicht zuletzt die nach mitunter konfessionellen Präferenzen ausgerichtete außenpolitische Positionierung der sunnitischen AKP-Regierung gegenüber der schiitischen Damaszener Regierung macht eine diplomatische Beilegung in der Frage gänzlich zunichte. Dabei ist die Türkei mit Jordanien eines der Hauptaufnahmeländer für syrische Flüchtlinge, deren Lage nach wie vor kritisch ist.

Wie man sieht, kann man die Situation in Syrien sowie die kafkaeske Haltung der meisten westlichen Staaten in diesem blutigen Konflikt vielleicht mit der Einstellung zur Kernkraft vergleichen: sie ist prinzipiell immer noch eine ganz persönliche Gewissensfrage, bei der sich die Argumente für und wider die Waage halten. Erinnert sei letztlich noch einmal an den Tragödienschreiber Aischylos, der auch mahnte: Alte Schuld zeugt gern neue Schuld.

Alperen Çelik wurde 1982 geboren. Er ist Sozialwissenschaftler und seit zwei Jahren Mitarbeiter der SPD-Landtagsfraktion in NRW.

 

 

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