Orthodoxe Christen in der Türkei: Springen jetzt US-Senatoren für ihre Rechte ein?

Mehr als 9000 Kilometer liegen zwischen dem US-amerikanischen Springfield und der türkischen Metropole Istanbul. Für einige Senatoren aus Illinois ist das jedoch keine Distanz, wenn es um den Einsatz für religiöse Minderheiten in der Türkei geht. Sie denken derzeit über eine Resolution nach, die die türkische Regierung für ihre Behandlung der orthodoxen religiösen Hierarchie im Land kritisieren würde.Ob darüber abgestimmt wird, ist bisher allerdings ungewiss.

Der Stand der orthodoxen Christen in der Türkei ist nicht einfach. Ihrem Oberhaupt, dem griechisch-orthodoxen Ökumenischen Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., wird von der türkischen Regierung jegliche rechtliche Anerkennung verweigert. Auch Bestrebungen, den Geistlichen vertreiben zu wollen, sind nicht neu. Die Gemeinden selbst werden ebenfalls nicht zimperlich behandelt. Kirchengüter werden beschlagnahmt, eine wichtige theologische Hochschule wurde bereits vor Jahrzehnten geschlossen. Diesen Zustand, so berichtet der Chicago Tribune, wollen sich Glaubensbrüder in den USA nicht länger mit ansehen. Mit einer Resolution soll auf die Lage der christlichen Minderheit in der Türkei und das Thema Religionsfreiheit im Allgemeinen hingewiesen werden. Kritik, die bereits im vergangenen Jahr von Seiten des US-Außenministeriums laut wurde (mehr hier).

„Als Nation stehen wir für etwas Besseres, etwas Höheres“, zitiert das Blatt einen der Ideengeber der Anfang Februar dieses Jahres eingereichten Resolution, Bischof Demetrios von Mokissos, Kanzler der griechisch-orthodoxen Gemeinde von Chicago. „Warum sollten wir nicht für religiöse Freiheit der Menschen auf der ganzen Welt stehen?

Erste, kleine Annäherungen der Türkei

Doch ist die Lage tatsächlich so dramatisch? Der türkische Generalkonsul in Chicago, Fatih Yildiz, wiegelt ab. Seine Regierung unterstütze die religiöse Toleranz, respektiere den Patriarchen und arbeite an den in der Resolution genannten Missständen. Seiner Ansicht nach sei das Papier zur Türkei nicht gerade fair. Abgesehen davon falle das nicht in den Zuständigkeitsbereich der Gesetzgeber von Illinois. „Offen gestanden gibt es immer Raum für Verbesserungen in Bezug auf die Religionsfreiheit, auch in der Türkei“, so Yildiz. Die türkische Regierung, davon ist er überzeugt, arbeite jedoch daran, die Rechte der religiösen Minderheiten zu verbessern.

Und in der Tat: Sowohl Yildiz als auch Demetrios betonten, dass die türkische Regierung bereits wichtige Annäherungsversuche an die orthodoxen Gläubigen unternommen habe. So sei erst kürzlich ein großes Stück Land rund um die 1971 geschlossene Hochschule zurückgegeben worden. Außerdem sei es den religiösen Würdenträgern einfacher gemacht worden, die türkische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Ein Punkt, der vor allem für Bartholomäus I. wichtig sein dürfte. Immerhin muss ein Patriarch nach kirchlichem Recht Priester, zugleich aber nach türkischem Recht türkischer Staatsbürger sein.

Bisher hat die Türkei im Ausland studierenden Theologen aber regelmäßig die Staatsbürgerschaft entzogen. Die türkische Regierung möchte eine Anbindung des Priesterseminars an die religiöse Fakultät der Universität von Istanbul. Doch das Patriarchat beharrt auf dem Grundsatz der Unabhängigkeit. Türken befürchten vatikanähnliche Zustände auf türkischem Territorium.

Scheu vor außenpolitischen Resolutionen

Dass dennoch etwas getan werden muss, davon ist man in den USA allerdings überzeugt. Die Resolution aus Illinois wurde von 41 der 59 Senatoren mitgetragen, so das Blatt weiter, und an den entsprechenden Ausschuss weitergereicht. Eine Abstimmung wurde allerdings noch nicht angesetzt. Das Problem: Die meisten Resolutionen der Generalversammlung sind eher lokal ausgerichtet und unumstritten. Oft sind sie zu Ehren des Lebens einer kürzlich verstorbenen Person, unterstützen das Bewusstsein für eine bestimmte Krankheit oder, wie in einem Fall, zum 40. Ehrentag einer Bibliothek. Einige beschäftigen sich auch mit internationalen Fragen, etwa wenn es um Geschäftsbeziehungen mit Kuba oder Taiwan geht. Doch das Büro von Senatspräsident John J. Cullerton, darauf weist Rikeesha Phelon, Sprecherin der North Side Democrats hin, würde sich vor außenpolitischen Resolutionen scheuen. Vor Ende der Legislaturperiode am 31. Mai rechne sie nicht mit einer Stellungnahme dazu.

Die Idee existiert jedoch nicht erst seit gestern. Bereits 2007 passierte eine ähnliche Resolution das so genannte Illinois House. Auch diese hatte die Unterstützung des Chicagoer Stadtrats und der Würdenträger anderer Religionen, darunter der römisch-katholische Kardinal Francis George. Durch den Senat kam sie allerdings nicht. Angreifen, so heißt es nun, wolle man die Türkei mit den neuen Vorstoß allerdings nicht. Es gehe um mehr. Es gelte eine Lösung zu finden, die den Patriarchen als auch die Religionsfreiheit unterstützt.

Die Türkei ist offiziell ein säkularer Staat und die historische Heimat der orthodoxen Kirche, obwohl 99 Prozent der Türken mittlerweile Muslime sind. Bartholomäus I. ist derzeit der geistige Führer von 250 Millionen orthodoxen Christen weltweit. Im März 2012 hatten drei Senatoren des US-Kongresses erneut einen Gesetzesentwurf bezüglich der Kirchen in der Türkei eingereicht. Sie forderten: Die Türkei soll „die Kirchen ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgeben“ (mehr hier).

Hier der Link zur Resolution.

Mehr zum Thema:

Franziskus I. fordert zu mehr Dialog mit dem Islam auf
Arabischer Frühling: Christen und Minderheiten droht der Untergang
Religion: Ökumenischer Patriarch wünscht sich mehr orthodoxe Griechen in Istanbul

 

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.