Die Folgen von Reyhanlı: Syrische Flüchtlinge verlassen aus Angst vor Übergriffen die Stadt

Die Bombenanschläge in der türkisch-syrischen Grenzstadt Reyhanlı vom 11. Mai haben auch in der syrischen Flüchtlingscommunity Spuren hinterlassen. Aus Angst vor Übergriffen, entscheiden sich derzeit immer mehr, die Gegend zu verlassen. Und das nicht ohne Grund: Die Wut unter den Einheimischen scheint zu wachsen.

Mehr als 600 syrische Flüchtlinge, die meisten von ihnen Kinder unter zwölf Jahren, haben die türkisch-syrische Grenzstadt Reyhanlı aufgrund wütender Reaktionen von Einheimischen mittlerweile verlassen. Gut 400 von ihnen seien nun in drei Flüchtlingslager in Akçakale, Nizip und Adıyaman untergekommen. Eine Gruppe von rund 250 Personen habe das Land unter Begleitung der Polizei am 14. Mai über den Grenzübergang Cilvegözü wieder verlassen. Sie hatten es nicht gewagt, einen Hochzeitssaal zu verlassen. Und das trotz der schlechten Bedingungen, die seit den Bombenanschlägen mit mehr als 50 Toten am vergangenen Samstag herrschten (mehr hier). Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyt.

Auch während des Tages, so berichtete das Blatt weiter, hätten die Flüchtlinge die Rolläden des Gebäudes halb unten gelassen. Männer hätten zudem gemeinsam mit der türkischen Polizei Wache vor dem Saal und auf der Straße in der Nähe des Hauses gestanden. „Wir haben nichts mit den Anschlägen zu tun, aber wir haben Angst“, so ein Flüchtling. Zwar gehe der Krieg in Syrien weiter, doch mittlerweile fühlten sie sich auch hier nicht mehr sicher. Selbst von den Einheimischen fühle man sich nicht mehr erwünscht, so ein weiterer.

Syrische Männer und türkische Polizisten wachen

Die Lage im Hochzeitssaal war beklemmend. Das zweistöckige, gut 500 Quadratmeter große Gebäude verfügte lediglich über zwei Bäder und zwei Toiletten. Die Männer harrten im Erdgeschoss aus, währen die Frauen und Kinder im ersten Stock untergebracht wurden.

Von Seiten des türkischen Außenministeriums heißt es zur jetzigen Abwanderung, dass die syrischen Flüchtlinge die Türkei auf eigenen Wunsch verlassen würden. Alles, was man ihnen anbieten könne, sei ein sicheres Geleit. Nach Angaben des Verantwortlichen Suphi Atan, seien die Reaktionen der Einheimischen gar nicht so ernst. Er betrachtet die derzeitigen Spannungen eher als temporäre Angelegenheit. Dass die Bevölkerung von Reyhanlı generell wütend auf die Flüchtlinge wäre, glaubt er nicht. Zu sehr seien die syrischen Leute und die türkische Bevölkerung miteinander verwoben. Gleichzeitig räumt er aber ein, dass er durch einige jungen Türken durchaus Übergriffe gegeben hätte. Für alle Einwohner stünden solche Vorgänge allerdings nicht.

Nicht ganz so harmlos wird die Situation unterdessen von Bürgermeister Hüseyin Şanverdi bewertet. Er beobachtet durchaus wachsenden Unmut unter den Bürgern von Reyhanlı gegen die syrischen Flüchtlinge. Autos würden zerstört. Von Fällen versuchter Lynchjustiz oder gar Toten, wie etwa die Radikal berichtete hatte, wolle er aber nichts wissen. Auch Innenminister Muammer Güler stellte während einer Rede im Parlament noch einmal heraus, dass die syrischen Rebellen und Flüchtlinge keine Verbindungen zu den Anschlägen hätten.

Polizeipräsenz in Reyhanlı verstärkt

Die zerstörten Straßen von Reyhanlı waren in letzter Zeit Schauplatz zahlreicher Versammlungen der Trauer (mehr hier), aber auch des Protests gegen Flüchtlinge. Türkische Polizisten wurden aus benachbarten Provinzen entsandt und standen Wache vor Gebäuden, in denen zumeist Flüchtlinge leben.

Seit Wochenmitte, so gab unterdessen das das türkische Amt für Katastrophenschut (AFAD) bekannt, betrage die Zahl der syrischen Flüchtlinge 193,767.

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