Bombenanschläge von Reyhanlı: Hat die Polizei massiv geschlampt?

Schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte in Reyhanlı. Fast einen halben Tag lang sollen die Tatorte nach den Bombenanschlägen nicht bewacht worden sein. Es wird befürchtet, dass so unter Umständen wichtige Beweise einer der verheerendsten Terroranschläge, die die Türkei je erlebt hat, abhanden gekommen sein könnten. Unterdessen wurde bekannt, dass nun offenbar die türkisch-syrischen Grenzen besser geschützt werden sollen.

Ob die Entfernung des Polizeichefs von Reyhanlı Murat Berk und die des Oberbefehlshabers, Oberst Mustafa Başoğlu, aus ihren Ämtern mit den Anschlägen vom 11. Mai dieses Jahres zusammenhängen, scheint derzeit unklar. Seltsam mutet es der türkischen Presse dennoch an. Über Stunden sollen die beiden Tatorte nach den Explosionen nicht gesichert worden sein. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Tatort wird von einem einzigen Polizisten bewacht

Zwei Journalisten des Blattes waren in den frühen Morgenstunden des Tages nach den Anschlägen in die Stadt gereist. Die Nacht hatten sie in einer völlig zerstörten Straße verbracht, wo ein großer, durch eine Bombe verursachter Krater offenbar von nur einem einzigen Polizeibeamten bewacht wurde. Kein Absperrband hätte Passanten daran gehindert, die Szenerie zu betreten, als die Hürriyet-Mitarbeiter nur Stunden nach dem Angriff um 03.00 Uhr am 12. Mai in Reyhanlı eintrafen.

„Weder Soldaten, noch Gendarmerie oder Polizei hatten Kontrollpunkte eingerichtet, um die Autos, die aus der Stadt fuhren, zu checken, als die Zeitungsmitarbeiter über die Hauptstraßen Reyhanlı erreichten“, kritisiert das Blatt. Auch die Angreifer hätten die Hauptstraßen mit zwei Autos voller Sprengstoff nur 14 Stunden zuvor benutzt.

Wie die Reporter zudem erfuhren, soll eine Gruppe rund um Berk bereits einen Tag vor den Anschlägen über die Sache informiert worden sein. Spekulationen, dass der Geheimdienst Details kannte, kursierten bereits am Tag nach den Attacken (mehr hier). Hieß es zunächst, dass der MIT die Polizei und die Gendarmerie schon im Februar über die Anschlagspläne informiert haben soll, sei nun, so die Zeitung weiter, vom 8. Mai die Rede. Seitdem hätte man ohne Unterlass daran gearbeitet, das Ganze zu verhindern. Am 10. Mai um 8:50 Uhr habe die Polizei in Reyhanlı aber schließlich gewusst, dass der Angriff passieren würde. Angelich soll zunächst Ankara das Ziel gewesen sein (mehr hier). „Ein Auto nach dem anderen ist in die Stadt gekommen. Die Gendarmerie hätte eigentlich Kameras an den Stadtgrenzen einsetzen müsen“, zitiert die Zeitung ihren anonymen Informanten.

Leichen noch vier Tage nach den Anschlägen gefunden

Am frühen Nachmittag des 11. Mai kam es schließlich zu den verheerenden Detonationen mit mehr als 50 Toten. „Menschliche Körper und abgetrennte Finger wurden noch vier Tage nach den Explosionen am Tatort gefunden“, informierte ein weiterer lokaler Beamter die Journalisten. Die Justiz- und Strafverfolgungsbehörden hätten sich eingeschaltet und sich der Sache angenommen. Die Tatorte hätten unter ihrer Verantwortung gestanden.

Erst am Morgen des 12. Mai hätte die Polizei die Gegend umstellt, als Anwohner und die Presse an den Tatort zurückgekehrt wären und drei weitere Leichen, eine im Gebäude neben dem Gemeindehaus und zwei auf der Straße vor dem Postamt, entdeckt worden seien. Unter den Augen von zeitweise bis zu 1000 Personen, so heißt es weiter, seien die Bergungsarbeiten fortgesetzt worden. Eine Situation, die auch die Forensikerin Sevil Atasoy im türkischen TV scharf kritisierte. Personen seien am Tatort herumgewandert, während die Polizei ihnen tatenlos zugesehen hätte. Die türkischen Ermittler, so ihr Vorwurf, hätten Lehren aus den Vorgehen der Kollegen, die mit den Bombenanschlägen von Boston am 15. April befasst waren, ziehen sollen. Presse und Anwohner hätten keinen Zutritt gehabt. Zwar sei im türkischen Fall seines Erachtens nach keine Sperre für die Medien notwendig gewesen, doch angemessene Sicherheit hätten die Kollegen nicht bieten können. Erst im Laufe des 12. Mais seien Hunderte Polizisten aus der benachbarten Provinz Adana abbestellt worden. Dann seien die Beamten schließlich auch an jeder Ecke platziert worden – vor allem in der Nähe von Gebäuden, in denen syrische Flüchtlinge lebten.

Verbesserte Türkisch-syrische Grenzsicherung

Wie unterdessen am vergangenen Sonntag bekannt wurde, werde das türkische Zoll-und Handelsministerium nun im Zuge der Anschläge in Kürze verstärkte Sicherheitsmaßnahmen an der türkisch-syrischen Grenze ergreifen. Wie Minister Hayati Yazıcı der Zeitung Zaman mitteilte, würden die Grenzen mit neuem Personal, Technologie, Schutz-und Sicherheits-Ausrüstung sowie mobilen Röntgengeräten und erweiterten CCTV-Systemen ausgestattet. Auch die Anzahl der Spürhunde soll erhöht werden. Konkret geht es um die Grenzübergänge Akçakale, Öncüpınar und Yayladağı.

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