„Kultur der Gewalt“: Türkischer Fußball zeigt sich von seiner schlechtesten Seite

Die vergangene Woche war für den türkischen Fußball alles andere als erbaulich. Nach diversen Spielen bleiben nicht etwa die sportlichen Leistungen, sondern zerstörte Sitzplätze, schwer beschädigte Stadien sowie wütende Mobs im Gedächtnis. Doch vor allem sind es Trauer und Wut über den Tod eines jungen Mannes.

Die Schlagzeilen in türkischen Sportteilen kannten in den vergangenen Tagen vor allem eine Überschrift: „Skandal“ oder „Schande“ war da zu lesen. Die Redakteure suchten nach Schuldigen, die für die Gewalt im türkischen Fußball verantwortlich sein sollen. Ganz gleich, zu welchem Ergebnis sie kamen, eines war sicher: Die Ermordung des 19-jährigen Burak Yıldırım wird wohl auf ewig ein schwarzer Fleck in der türkischen Fußballlandschaft bleiben (mehr hier).

Der tödliche Vorfall ereignete sich nach der „Mutter aller Derbys“, dem Spiel zwischen Galatasaray und Fenerbahçe am Sonntagabend vergangener Woche. An einer Bushaltestelle geschah das Unfassbare: Der junge Mann wurde erstochen (mehr hier). Nachdem die Polizei den Hauptverdächtigen in diesem Fall gefasst hatte, erklärte der İstanbuler Polizeichef Hüseyin Capkin, dass der mutmaßliche Täter das Verbrechen auf Grund des „Team-Wettbewerbs“, bezogen auf den harten Wettbewerb zwischen den Erzrivalen Galatasaray und Fenerbahçe, begangen hätte.

Türken haben keine richtige Fußballkultur

Genug der Begründung? Nein. „Dafür gibt es keine Rechtfertigung“, so der Sportsoziologe Ahmet Talimciler im Gespräch mit der Zaman. Er verweist in diesem Zusammenhang auf eine häufig geäußerte Sorge – die Gewalt in der Gesellschaft. „Fußball ist nur ein Spiegelbild. Gewalt kann im Fußball nicht eingedämmt werden“, so seine Analyse. Wenn man zu Hause, in Schulen und im Verkehr mit Gewalt konfrontiert wäre, sei es unmöglich, diese nicht auch in den Stadien vorzufinden. „Wir [Türken] haben keine [richtige] Fußballkultur, und so können die Menschen auch nicht lernen, wie man sich in einem Fußball-Umfeld verhält. Unsere Fußballkultur wurde auf der Grundlage der Zerstörung der gegnerischen Fans geprägt“, so der Fachmann. Mittlerweile habe das jedoch ein solches Ausmaß erreicht, dass man sich gegenseitig vernichten wolle.

Schuld am Terror in den Stadien, so schreibt die Zaman, seien jedoch nicht nur die Zuschauer. Bei besagtem Spiel am Sonntagabend wären auch die Spieler nicht unschuldig gewesen. Wie Feinde seien sie sich gegenseitig an die Kehlen gegangen. So seien die berüchtigten Kapitäne von Fenerbahçe und Galatasaray, Volkan Demirel und Sabri Sarıoğlu, maßgeblich in die heftigsten Momente des Spiels involviert gewesen.

Manager, die Spieler und Trainer als Negativ-Vorbilder

Wie Talimciler unterstrich, würden die Teilnehmer im türkischen Fußball, einschließlich der Fußball-Manager und Zuschauer, die Kultur der Gewalt in der Gesellschaft füttern und dann Krokodilstränen weinen. Es gäbe mittlerweile so viele Spannungen, dass sich selbst die Manager gegenseitig an die Gurgel gehen würden. Die Manager, die Spieler und Trainer, alle seien angespannt. Und das reflektiere sich in den Straßen. Sie würden zu Negativ-Vorbildern, so der Soziologe.

Doch wie dem Einhalt gebieten? Talimciler ist der Meinung, dass man das Thema Gewalt nur in den Griff bekommen würde, wenn die einschlägigen türkischen Gesetze auch bei Sportveranstaltungen konsequent umgesetzt würden. Etwas, was übrigens auch nicht beim Thema häusliche Gewalt funktioniert (mehr hier). Das türkische Gesetz zur Beendigung der Gewalt und Unordnung bei Sportveranstaltungen des Jugend-und Sportministeriums ist immerhin seit 2011 in Kraft. Doch es erntete auch, offenbar berechtigte Kritik. Denn es soll für die Fans nicht abschreckend genug wirken, verbotene Gegenstände mit zu den Spielen zu bringen oder sich gegenseitig zu beleidigen.

Doch worum geht es darin konkret? Das Gesetz verbietet das Mitbringen von Waffen, scharfen Gegenständen, Sprengstoffen und ätzenden Stoffen zu sportlichen Veranstaltungen. Diejenigen, die gegen das Verbot verstoßen, müssen mit einer Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu mehreren Jahren rechnen. Zum Beispiel: Diejenigen, bei denen Pistolen, spitze Gegenstände, explosive oder ätzende Materialien gefunden werden, müssen mit einem bis drei Jahren Gefängnis rechnen. Personen, die dem Publikum diese verbotenen Gegenstände anbieten, müssen mit einer Haftstrafe von zwei bis fünf Jahren rechnen. Diejenigen, die Drogen oder Alkohol zu einer sportlichen Veranstaltung nehmen, werden in der Regel nur mit einer Geldstrafe belegt Parolen, die Beleidigungen beinhalten, führen zu einer Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von mindestens 15 Tagen. Zumindest in der Theorie.

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