Privatisierung der türkischen Staatstheater: Schauspieler gehen auf die Barrikaden

Türkische Schauspielerinnen und Schauspieler haben am vergangenen Samstag in Istanbul den Aufstand geprobt. Ihr Zorn ist kein Spiel, sondern blanker Ernst. Denn die türkische Regierung plant, die Strukturen der bestehenden Staatstheater aufzulösen und diese zu „privatisieren“. Künftig sollen die Häuser unter die alleinige Leitung eines elfköpfigen Gremiums gestellt werden - bestellt von der AKP.

Bereits das türkische Statistikamt (TÜIK) hat im vergangenen März festgestellt: Insbesondere unter Journalisten und Künstlern grassiert die Arbeitslosigkeit. Unter Letzteren liegt die Arbeitslosenquote gar bei 21 Prozent (mehr hier). Mit den Plänen der türkischen Regierung, die bisherige Struktur hiesiger Staatstheater aufzulösen und künftig nur noch auf Projektbasis arbeiten zu lassen, könnte diese Zahl noch einmal einen ordentlichen Schub erfahren. Denn: Viele von ihnen könnten dann den städtischen Kultur- und Tourismusämtern überstellt werden oder gar ihren Arbeitsplatz verlieren.

„AKP, Hände weg von meiner Kunst“

Dass sich die türkischen Schauspielerinnen und Schauspieler in Anbetracht solcher Pläne bedroht fühlen, ist nachvollziehbar. Am vergangenen Samstag machten sie ihrem Unmut schließlich Luft. Zahlreich gingen sie in Istanbul auf die Straße, um gegen das Vorhaben der türkischen Regierung zu protestieren. Unter den Demonstranten auf dem Taksim Platz, so berichtet die türkische Hürriyet, fanden sich auch bekannte Namen wie Genco Erkal, Erkan Taşdöğen, Ayten Uncuoğlu, Levent Üzümcü oder Zafer Algöz. Gemeinsam skandierten sie Parolen wie „Kunst gegen die Dunkelheit“, „Fassen Sie meine Oper nicht an“ oder „AKP, Hände weg von meiner Kunst“.

Für sie ist zudem glasklar: Die AKP verletzt ihr Recht, Kunst zu machen. „Wenn sie die [staatlichen] Kunstinstitutionen schließen, dann werden sie auch die [staatlichen] Kunsthochschulen schließen“, zitiert das Blatt Üzümcü. Man verweise auf Beispiele aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Vergleichbar sei die Situation von Bühnen in Erzurum oder Van mit denen in London oder Berlin allerdings nicht. Jedes Land habe seine eigene Landschaft. Auch für Schauspielerin Tülin Oral ist der Fall eindeutig. Das Ganze sei ihrer Meinung nach ein Versuch, die türkische Kunst zu sprengen.

Künftig soll nur noch ein Gremium das Sagen haben

Im vergangenen Jahr gab der türksiche Premier Recep Tayyip Erdoğan das Signal für die Privatisierung von staatlichen Theatern und Opern. Er ließ verlauten, dass Kunst nicht „durch die Hand des Staates entstehen“ könne. Ein entsprechendes Gesetz, so die Hürriyet, solle sich derzeit in der Entwurfsphase befinden. Bekannt sei allerdings bereits folgender Umstand: Demnach sehe das neue Gesetz die Schaffung eines elfköpfigen Gremiums durch das Kabinett vor, welches jedes Vorrecht in Bezug auf die Wahl der Theater, Kinos, Ballettproduktionen oder Opernstücke habe, die vom Staat finanziert werden. Der besondere Dreh: Künstler, deren Projekte einmal abgelehnt wurden, dürfen in den folgenden drei Jahren keinen weiteren Vorschlag einreichen.

Auch Fazıl Say stellt sich dagegen

Auch der international gefeierte türkische Komponist Fazıl Say ist gegen die Privatisierungspläne der AKP-Regierung. „Ich kann nicht verstehen, wie in einem Land, in dem es wirtschaftlich aufwärts geht, den Theatern und Opern die Schließung drohen kann. Die staatlichen Zuschüsse stellen ohnehin relativ kleine finanzielle Belastungen dar“, so Say in einem Artikel in der Zeitung Radikal. Keine Oper sei im Stande, ihre Betriebskosten alleine durch den Ticketverkauf zu finanzieren. In Europa würden zahlreiche Theater und Opern ohne staatliche Bezuschussung vor die Hunde gehen, erklärt Say.

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