Glauben in London: Die Kirchen sind leer, die Moscheen überfüllt

Gut eine Woche nach dem grausamen Soldatenmord setzt sich nicht nur auf der Straße, sondern auch in den Medien das Islam-Bashing fort. Eine britische Zeitung behauptet nun, in 20 Jahren gäbe es mehr aktive Muslime als Christen. Dabei ist der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung weiterhin im einstelligen Bereich.

Die drei Bilder, die das britische Blatt Daily Mail seinen Lesern an diesem Donnerstag präsentiert, sprechen eine deutliche Sprache. Zu sehen ist zum einen die St Mary’s Church in der Cable Street sowie St George-in-the-East in der Cannon Street Road. Die Bänke der Gotteshäuser sind spärlich besetzt. Die Kirchen, die einst gebaut wurden, um große Scharen an Gläubigen aufzunehmen, müssen sich nun mit einer handvoll Besuchern begnügen. Den krassen Gegensatz hierzu liefert eine Aufnahme des Außenbereichs einer Moschee in Spitalfields, ebenfalls im East End von London. Einer vorwiegend von Muslimen bewohnten Gegend (mehr hier). Dicht an dicht beten die Gläubigen in der Brune Street unter freiem Himmel.

Rund 33 Millionen Christen soll es nach dem Zensus 2011 allein in England und Wales geben. Ein lebendiges Gemeindeleben, wie es ihre muslimischen Mitbürger pflegen, scheint es, so implizieren zumindest die Bilder, allerdings nicht mehr zu geben. „Der zahlenmäßige Unterschied könnte dramatischer nicht sein. In St George haben sich nur zwölf Menschen eingefunden, um die Heilige Kommunion zu empfangen“, fasst das Blatt zusammen. Als die Kirche im frühen 18. Jahrhundert erbaut wurde, sei sie mit 1.230 Plätzen konzipiert worden. Ähnlich gestaltet sich die Situation in St Mary’s. Das Gotteshaus sei im Oktober 1849 eröffnet worden. 1.000 Menschen passen hinein. Auf dem Foto zu sehen seien jedoch gerade einmal 20.

Überfüllung: Muslime müssen auf der Straße beten

Unweit der beiden Kirchen bestünde das gegenteilige Problem: „Überfüllung“. Die eigentliche Moschee sei nicht mehr als ein kleiner, gemieteter Raum in einem Gemeindezentrum. Gut 100 Personen würden hinein passen. An den Freitagen werde diese Zahl jedoch meist um das Drei- bis Vierfache überschritten, so dass die Gläubigen am Ende auf die Straße ausweichen müssten.

Zahl der Muslime auf fast drei Millionen geklettert

Die drei Bilder, so die Schlussfolgerung des Blattes, deuten auf einen aktuellen Trend hin: „Das Christentum wird in diesem Land immer mehr zu einer Religion der Vergangenheit, während der Islam eine Religion der Zukunft ist.“ Die Zahlen relativieren diese Behauptung allerdings. In den vergangenen zehn Jahren habe es zwar eine Abnahme an Menschen in England und Wales gegeben, die sich selbst als Christen verstehen. Waren es einst 71,7 seien es nun nur noch 59,3 Prozent der Bevölkerung. Die Muslime im Vergleich dazu sind allerdings trotz steigender Anzahl nicht alarmierend. Im gleichen Zeitraum sei auf der anderen Seite die Zahl der Muslime in England und Wales von drei Prozent der Bevölkerung auf 4,8 Prozent gestiegen – insgesamt 2,7 Millionen Menschen.

Und die Zeit spiele den Muslimen auch weiterhin zu, behauptet die Zeitung. Denn: Während die Hälfte der britischen Muslime unter 25 Jahre seien, wäre fast ein Viertel der Christen über 80. „Es wird geschätzt, dass es in nur 20 Jahren mehr aktive Muslime in diesem Land geben wird als Kirchgänger – eine Idee, die noch vor einem halben Jahrhundert völlig undenkbar gewesen wäre“, so die Daily Mail.

Bisherige Bemühungen, diesen Trend umzukehren, sind gescheitert. Die Pfarrer werden erfinderisch, um die Gläubigen zu locken – etwa mit einem „Hot Potato Sunday“, bei dem die wenigen Gemeindemitglieder die Lesungen des Tages beim Verzehr einer Ofenkartoffel diskutieren können. Andere erachten die Entwicklung als zu komplex, um ihnen mit einfachen Maßnahmen zu begegnen. Gläubige wie ein Unternehmen anzuwerben, das widerstrebt ihnen.

Soldatenmord heizt Stimmung in London auf

Das eigentliche Problem scheint jedoch ein völlig anderes zu sein. Denn Berührungspunkte zwischen Muslimen und Christen scheint es, obschon der geographischen Nähe zueinander, nicht zu geben. Einen Vorwurf macht das Blatt hier allerdings nur den Besuchern der Moschee, um gleich noch weitere Ängste hinterher zu schüren: „Eines Tages, in ein paar Jahrzehnten, könnte St George wieder mit Gläubigen gefüllt sein – aber sie werden keine Christen sein.“ Immer wieder werden gerade in London Moscheen Ziele von Angriffen (mehr hier).

Der Beitrag passt in die Situation der vergangenen Tage. Zuletzt befeuerte der grausame Mord an einem Soldaten die Angst vor islamfeindlichen Übergriffen. Da der Täter Islamist sein soll, fürchteten hiesige Muslime schnell weitere Attacken. Und sie sollten Recht behalten. Die rechtsextreme English Defence League (EDL) machte mobil. Die ersten Moscheen in Woolwich, dem Tatort, in Braintree in Essex sowie Gillingham in Kent waren bereits Mittwochnacht nach der Bluttat Ziel von Übergriffen. Umgehend hatte sich David Cameron am Donnerstag mit den Muslimen des Landes solidarisiert. Die Attacke sei nicht nur eine gegen Großbritannien und die britische Lebensweise gewesen, so der Premier. Die Täter hätten an dem Muslimen und dem Islam insgesamt Verrat begangen.

Seine Worte verhallten ungehört: Erst am vergangenen Montag haben erneut rund 1000 Rechtsradikale in London mit islamfeindlichen Parolen gegen den Mord an einem britischen Soldaten protestiert.

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