Proteste in der Türkei: Das deutsche Freund-Feind-Schema funktioniert hier nicht

Deutsche Deutungsmuster eignen sich nicht um die seit Tagen andauernden Auseinandersetzungen in der Türkei zu erklären. Die Folge: Eine neutrale Berichterstattung, so der Blogger René Sternberg, wird dadurch unmöglich. Ein Blick in die türkische Geschichte hält er für unerlässlich.

In Deutsch­land exis­tie­rende „Freund-Feind-Schemata“ dürfen nicht herangezogen werden, um die aktuelle Situation in der Türkei zu beschreiben. Doch die deutschen Medien, so der Doktorand und Blogger René Sternberg, begehen genau diesen Fehler. Das hierdurch suggerierte Bild habe „aber mit der Situa­tion in der Tür­kei nur bedingt etwas zu tun“.

Proteste müssen mehrdimensional betrachtet werden

Gedeutet werde vor allem in vier Richtungen: Erstens, die Demons­tran­ten seien Wut­bür­ger und Umwelt­schüt­zer. Zweitens, in der Tür­kei werde eine auto­ri­täre Poli­tik betrieben. Drittens, Erdo­gan sei ein Des­pot. Und schließlich viertens: Es spiele sich ein tür­ki­scher Früh­ling ab.

Doch warum wird eigentlich protestiert? Sternberg empfiehlt eine mehrdimensionale Sicht der Dinge. Denn: „Die tür­ki­sche Gesell­schaft ist tief gespal­ten zwi­schen der konservativ-islamischen Bewe­gung, die von Erdo­gan und sei­ner AKP-Regierung ver­tre­ten und den Kema­lis­ten, zu denen die oppo­si­tio­nelle sozialdemokratisch-(teils natio­na­lis­ti­sche) CHP aber auch Libe­rale, Gewerk­schaft­ler usw. gehören.“ Ohne die Einbeziehung von Staatsgründer Atatürk und sein Programm, dem Kemalismus, aus dem die Staatsprinzipien Repu­bli­ka­nis­mus, Refor­mis­mus, Eta­tis­mus, Popu­lis­mus (Gleich­heit alle Bür­ger), Lai­zis­mus, Natio­na­lis­mus (Ein­heit von Staats­ge­biet und Staats­volk) hervorgingen, geht es da seiner Ansicht nach also nicht.

Ergo ergeben sich aktuell mehrere Ebenen: Zum einen gehe es um den Kampf um den öffentlichen Raum, daneben spielen aber auch die Symbolkraft des Taksim-Platzes sowie die ungelösten Konflikte zwischen der AKP und den Kemalisten eine Rolle.

Lage in der Türkei nicht mit Ägypten zu vergleichen

„Die Demons­tran­ten sind keine Wut­bür­ger und auch keine Umwelt­schüt­zer. Auch wenn es für grüne Jour­na­lis­ten hart klin­gen mag,  ihnen sind die 70 Jahre alten Bäume egal“, so Sternberg. Hierzu hatten sich erst am Sonntag eine Reihe von Grünen-Politikern um Cem Özdemir und Claudio Roth zu Wort gemeldet (mehr hier). Vielmehr seien das Weichen des Parks für die Topçu (Artillerie)-Kaserne sowie der geplante Moscheebau ein „fron­ta­ler Angriff“ gegen den Grün­dungs­my­thos der Tür­kei, gegen die sechs Staats­prin­zi­pien und somit auch gegen die Kemalisten. Hier gehe es also um das Rin­gen um die Macht zwi­schen AKP und Kema­lis­ten. Wer in den Pro­tes­ten nun einen tür­ki­schen Früh­ling sehe und in diesem Zusammenhang auf die Gescheh­nisse in Ägyp­ten, Tune­sien und Lybien anspiele, habe seiner Meinung nach schlicht keine Ahnung. „Die Lage in der Tür­kei ist eine völ­lig andere, als in den ande­ren Ländern.“

TURKISH REBEL IN 70 SECONDS / DAY 5 (THE GREATEST RESISTANCE TO THE POLICE IN THE WORLD HISTORY) from Memento Mori on Vimeo.

„Ich möchte vor einem ein­fach Freund (Kema­lis­ten) — Feind (AKP) — Schema war­nen“, fasst Sternberg zusammen. Wie jetzt bekannt wurde, hat sich das internationale Hacker-Kollektiv Anonymous auf die Seite der Demonstranten geschlagen (mehr hier). Die Fixie­rung auf die sechs Staats­prin­zi­pien sei­tens der Kema­lis­ten führe in der heu­ti­gen Tür­kei zu einer absur­den Situa­tion. Die Kema­lis­ten zu Leb­zei­ten Ata­türks seien sehr west­lich aus­ge­rich­tet gewesen und hätten die Tür­kei erfolg­reich in die Moderne geführt. Außer­dem hätten sie es geschafft, in einem mus­li­mi­schen Land Staat und Reli­gion zu tren­nen und die Scha­ria als Rechts­grund­lage abzu­schaf­fen. Aber: „Die Enkel die­ser Kema­lis­ten ste­cken teil­weise ideo­lo­gisch noch immer in den 30ern, wes­halb sie jetzt mehr­heit­lich Geg­ner einer West­in­te­gra­tion sind.“

Beide Seiten vertreten gute und schlechte Standpunkte

Auf der anderen Seite gibt es die Enkel der Tra­di­tio­na­lis­ten (AKP). Diese hätten zu Zei­ten Ata­türks gegen die Refor­men oppo­nier­t, seien nun aber starke Befür­wor­ter der Westintegration. Ergo: Beide Sei­ten vertreten jeweils Stand­punkte, die man aus Deut­scher Per­spek­tive für gewöhn­lich als gut oder schlecht emp­fin­de, eine Freund-Feind-Einordnung nach unserer Vorstellung aber unmöglich macht.

In der Nacht auf Montag kam es erneut zu heftigen Auseinandersetzungen – hier.

Die Borsa Istanbul ist eingebrochen – hier.

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