Stimmen aus der Türkei: Gezi-Park-Proteste haben nichts mit Religion und Politik zu tun

Der türkische Journalist Bülent Mumay findet einen Vergleich Erdoğans mit Diktatoren der Arabischen Welt nicht fair. Was sich allerdings ändern müsse, sei die Haltung des Premiers zu seiner Bevölkerung. Die Einschätzungen vieler deutscher Kollegen bleiben hinter dem eigentlichen Kern zurück.

„Vor allem beteiligen sich Türken, die jünger als 21 Jahre sind. Sie haben keinen politischen oder religiösen Hintergrund“, sagt Mumay. In den vergangenen Jahren ist Premierminister Erdoğan immer öfter auf das Privatleben der Bevölkerung eingegangen. So sprach er in seinen Reden häufig von der „Erziehung einer religiösen Jugend“, behauptete, die optimale Zahl an Kindern sei mindestens drei, er forderte zudem das Abtreibungsverbot sowie eine Einschränkung des Alkoholkonsum im öffentlichen Raum. Nun sieht man am Taksim-Platz unterschiedlichste Schichten. „Ein Demonstrant trinkt Alkohol. Ein anderer daneben betet. Aber sie schreien und protestieren gemeinsam“, so Mumay weiter (mehr hier).

Dabei gehe es, so Mumay, nicht um einzelne neue Regelungen, sondern das Gefühl, dass verstärkt der Raum des öffentlichen Lebens eingeschränkt werde. Der Gezi-Park, ein öffentlich zugänglicher Park, der nun umgestaltet werden sollte, ohne dabei die Anwohner in die Pläne einzubeziehen, stehe nur symbolisch dafür. „Die Reaktion der Demonstranten richtet sich gegen die Einmischung der Regierung in das gesellschaftliche Leben“, so der Journalist weiter. Die Haltung des Premiers und seine Reaktionen auf die Proteste (mehr hier) hätten erst zu der Eskalation geführt.

Ähnlichkeiten zu den Umwälzungen in der Arabischen Welt seien zwar zu erkennen. In den Protesten den Beginn eines „Türkischen Frühlings“ zu sehen, sei dem Land gegenüber jedoch nicht fair. Dazu sei die Türkei viel zu demokratisch. „Es wäre wirklich ungerecht, Erdoğan mit Diktatoren wie Saddam oder Gaddafi in einem Satz zu nennen“, so Mumay.

Der wichtigste Unterschied zu anderen Ländern sei, dass die Türkei auch in der Vergangenheit sehr instabil gewesen sei. Deshalb benötige die Türkei immer eine sehr starke Führungspersönlichkeit, die das Land zusammenhalte. Doch derzeit übertreibe es Erdoğan mit seiner harschen Kritik an allem, was ihm nicht gefällt. Das könnte sich nun ändern, glaubt Mumay, der sagt: „Die Proteste könnten den Stil der türkischen Politik für immer verändern.“

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