Kein Vertrauen oder kein Geld? Russen halten sich von Finanzgeschäften fern

Im Vergleich zu europäischen Bürgern sind die Russen auf den Finanzmärkten nur halb so aktiv. Die Deutungsmuster für diesen Umstand sind vielfältig. Während die einen hier einen Mangel an Vertrauen ins russische Finanzsystem erkennen, sehen andere dahinter einen weitaus trivialeren Grund: Das durchschnittliche Einkommen ist einfach zu niedrig und lässt daher wenig Raum für Investitionen.

„Mehr als 60 Prozent der Russen ziehen es vor, sich von russischen Banken oder Kredit-Institutionen fernzuhalten“, verweist die russische Zeitung Russia Today auf eine Untersuchung der Russian Presidential Academy of National Economy and Public Administration (RANEPA). Demnach seien Russen in etwa 1,5 bis zweimal weniger aktiv auf den Finanzmärkten als die Menschen in Westeuropa. Der Grund, so die Forscher, die Menschen in Russland hätten keine Vertrauen in das hiesige Finanzsystem.

Wissen über Finanzen: Russen müssen sich bilden

Bestätigen kann diese Einschätzung auch Nikolay Chitov, Vorsitzender der Housing Finance Bank, einem Institut zur Wohnbaufinanzierung, im Gespräch mit Russia Today. Ein großer Teil der derzeitigen Probleme mit der Finanzkrise, so der Fachmann, hätten nichts mit „einem Mangel oder Inkonsistenz von Aktionen russischer Banken“, sondern mit dem „mangelhaften Wissen der Russen über die bestehenden Garantien der Bankenrettung“ zu tun. Gerade die Zentralbank der Russischen Föderation (CBR) hätte sich, im Gegensatz zu den meisten Zentralbanken in Europa, ziemlich gut geschlagen. Um das Interesse der Russen für den Finanzsektor zu wecken, sieht der Fachmann daher nur einen Weg. Es gelte, die Allgemeinbildung der Russen auf diesem Gebiet durch Schule oder Werbung anzukurbeln. Nur das könne dazu beitragen, die Russen dazu zu bewegen, ihre Ersparnisse auf die Bank zu bringen.

In der Tat bleiben die finanziellen Aktivitäten der Russen hinter denen der Europäer zurück.  In den Jahren 2000 bis 2007 etwa variierte das Verhältnis von Geldvermögen der privaten Haushalte zum BIP in Europa nach Angaben von Eurostat zwischen 375 Prozent in der Schweiz und 39 Prozent in Rumänien. In Russland sieht das etwas anders aus. Dort, so RT weiter, läge der Anteil von finanziellen Vermögenswerten – das sind vor allem Einlagen, Bargeld und eine Handvoll Aktien – im Zeitraum von 2000 bis 2012 bei durchschnittlich 19 Prozent.

Rund 28.000 Rubel: Keine großen Sprünge möglich

Die Bankeinlagen der russischen Haushalte betragen derzeit, so RT, 70 Prozent ihrer Ersparnisse. Die restlichen 30 Prozent würden die Bürger in Bargeld zurück halten. Doch geht es hierbei wirklich nur um mangelhafte Kenntnisse, wie die RANEPA-Forscher glauben? Für Andrey Melnikov, stellvertretender Leiter einer Agentur für Einlagensicherung, gibt es einen viel trivialeren Grund für die zurückhaltende Performance der Russen an den Finanzmärkten. Die niedrigen Einkommen, so seine Einschätzung, ließen schlicht nicht viel Spielraum für eine Einsparung in irgendeiner anderen Form als Bargeld. „Angesichts des russischen Durchschnittslohns von 28.000 Rubel, der nur grundlegende Bedürfnisse der Verbraucher erfüllen kann, gibt es wirklich wenig Spielraum für die Eröffnung einer regelmäßigen Einlage bei einer Bank. Hinzu kommt, dass die Zinsen auf solch niedrige Beträge für den Einzelnen kaum relevant sind“, fasst Melnikov zusammen.

Für Melnikov ist das russische Finanzwesen jedoch in Gänze alles andere als fortschrittlich. Und genau das verhindere eine weitere Entwicklung. Denn: Derzeit drehe sich alles um das Bankwesen. Alle anderen Formen der Finanzinstitute, wie Versicherungen oder Pensionsfonds, steckten noch in der Entwicklungsphase.

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