„Maskulin und aggressiv“: Elif Şafak sorgt sich um politisches Klima in der Türkei

Für die türkische Schriftstellerin Elif Şafak sind die Konflikte in ihrer Heimat das Ergebnis komplexer gesellschaftlicher, aber auch politischer Probleme. Die Bürger des Landes hätten das Vertrauen verloren, fürchten stets eine Veränderung ihres Lebensstils. Die Regierung auf der anderen Seite begehe hier jedoch einen schwerwiegenden Fehler: Sie nimmt diese Ängste nicht ernst.

Die türkische Schriftstellerin Elif Şafak hat im Gespräch mit BBC-Journalist Stephen Sackur ihre Sorge über die aktuellen Ausschreitungen in der Türkei zum Ausdruck gebracht. In den vergangenen Jahren habe sich die Türkei als eine Art Bollwerk der Stabilität und Demokratie in der gesamten Region präsentiert, doch durch politische Unruhen und kommunalen Konflikte entstellt. Heute, so die 1971 in Straßbourg geborene Autorin in der Sendung BBC World News, kämpft das Land gegen seine eigenen Dämonen. Die Sprache der türkischen Politik sei „maskulin und aggressiv“.

„Istanbul ist wie ein eigenes, kleines Land. Es ist voller Gegensätze und voller Konflikte“, beschreibt Şafak die Stadt, in der seit mehr als zwei Wochen die heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei stattfinden. Doch das sei ihrer Ansicht nach gar nicht der Punkt. Viel schwieriger sei es nämlich, und das habe sie auch versucht in ihrem Werk herauszuarbeiten, in der Türkei ein Individuum zu sein. Die Gesellschaft sei sehr polarisiert und auch sehr politisiert.

„Die Menschen haben kein Vertrauen“

Beispielhaft nennt die Autorin hier ihren Einsatz für das Reizthema Kopftuchverbot, aber auch die offiziellen Ansagen an der U-Bahn-Station „Kurtuluş“, mit denen die Bürger zu „moralischen Verhaltensweisen“ augerufen wurden (mehr hier) und die sie ebenfalls nicht gut heißt. Als Individuum sei es ihr wichtig, „Fehler“ auf beiden Seiten zu kritisieren. Warum sich aber gerade Themen, wie die aktuelle Anti-Alkohol-Gesetzgebung (mehr hier), die es in ähnlicher Weise auch in zahlreichen europäischen Staaten gibt, derart hochgeschaukelt haben, erklärt sie wie folgt: „Die Menschen haben kein Vertrauen. Sie sind argwöhnisch.“ Überall würden Verschwörungstheorien gewittert. Doch in erster Linie sei es eine konkrete Angst: „Sie sorgen sich, dass ihr Lebensstil verändert werden könnte.“

Diese Gefahr, das gesteht auch Elif Şafak ein, sei „sehr real“. Die türkische Regierung mache den Fehler, genau diese Ängste nicht verstehen zu wollen. Besorgt habe sie die jüngsten Themen von Premier Recep Tayyip Erdoğan, Ablehnung von Abtreibung und Kaiserschnitt sowie seine Aufforderung, mindestens drei Kinder zu bekommen, beobachtet. Seine Ideen habe sie als „äußerst problematisch“ empfunden. Dass sich die türkische Regierung gerade in der Abtreibungsfrage nun doch anders entschieden habe, darüber sei sie sehr froh.

Frauen in der Türkei: In der Politik kaum vorhanden

Die vielen Freiheiten für Frauen, der immense wirtschaftliche Fortschritt: Im Vergleich zu den Nachbarstaaten stünde die Türkei, insbesondere die türkischen und kurdischen Frauen (mehr hier), sehr gut da. Dennoch gebe es ein bestimmtes Feld, auf dem Frauen nahezu nicht existieren würden: In der Politik. Und selbst diejenigen, die vorhanden wären, müssten ihre Weiblichkeit zurückstellen, um zu bestehen. Die Sprache der Politik in der Türkei sei sehr „maskulin und aggressiv“. Das müsse sich ändern.

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