„Schädlich und kriminell“: Türkische Fachleute warnen vor Zusätzen in Wasserkanonen

Rote Stellen auf der Haut, die aussehen, als wären sie verbrannt. Derartige Bilder kursieren im Augenblick zahlreich in den Sozialen Medien. Verursacht worden sein sollen die Verletzungen durch Jenix. Eine CS-Gas-Lösung, die die Polizei offenbar auch in ihren Wasserwerfern einsetzt. Der Istanbuler Gouverneur wiegelt ab. Ärzte und Juristen sind jedoch alarmiert.

Die mögliche Zugabe von Reizgas in das Wasser der so genannten TOMA durch die Istanbuler Polizei am vergangenen Wochenende sorgt bereits seit Tagen für Spekulationen. Angeblich haben die Beamten flüssiges Pfefferspray in Form des Mittels Jenix beigemischt. Entsprechende Bilder kursieren im Netz. Nun diskutieren auch Fachleute über die rechtliche Grundlage ihrer Nutzung sowie potentielle Schäden für die Gesundheit.

Die fragliche Substanz soll nach Einschätzung von Ärzten „hochgefährlich“ sein, so die türkische Zeitung Hürriyet. Ein Anwalt namens Ömer Kavili betrachtet ihren Einsatz sogar als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. In den Sozialen Medien, berichtet das Blatt weiter, kursierten zahlreiche Fotos, die Menschen mit verbrannter Haut zeigten, nachdem sie vom Wasser aus den TOMAs getroffen wurden. Von offizieller Seite will man davon aber offenbar nichts wissen. Nach Angaben des Istanbuler Gouverneurs Hüseyin Avni Mutlu enthalte das Wasser in den Fahrzeugen keine chemischen, sondern „ (…) medizinische Zusätze. Unsere Bürgerinnen und Bürger sind an dieses Wasser gewöhnt“, so die lapidare Erklärung.

Die CS-Gas-Lösung, die eingesetzt worden sein soll, verursacht nach Angaben von Dr. Ümit Ünüvar, Mitglied der Forensiker-Vereinigung, „Verbrennungen ersten Grades“. Die verursachten Schäden an der Haut seien ähnlich der Wirkung von Tränengas auf die Atmung. „Von Kindern fernhalten. Nicht über einen weiten Bereich verteilen. Nicht über die Kanalisation, das Grundwasser, in Gewässern verteilen. Vermeiden Sie den Kontakt mit Haut und Augen“, so die Warnung, die auf den Jenix-Kanistern zu finden ist. Sollte es dennoch zu einem Kontakt mit der Haut kommen, dann sollte diese mit Wasser abgewaschen werden. Je nach abbekommener Menge verursacht die Lösung Rötungen oder Vorwölbungen der Haut.

Juristisch betrachtet ist ein solcher Einsatz nach Ansicht von Anwalt Ömer Kavili ein „Verbrechen“. „Die Substanz, die dem Wasser in den TOMAs beigefügt wird, ist chemisch. Während meiner Zeit in einer Istanbuler Kanzlei habe ich zehn-, elfjährige Kinder gesehen, die damit in Kontakt gekommen sind.“ Die Haut der Kleinen sei unter ihrer Kleidung verbrannt gewesen. Diejenigen, die diese Substanz trotz der aufgeführten Warnungen einsetzten, sollten sofort belangt werden. Seiner Ansicht nach handle es sich um Folter und ein unmenschliches Verbrechen gemäß Artikel 94 des türkischen Strafgesetzbuches.

Jenix-Einsatz brisant bei zu hoher Dosierung

Inzwischen, so heißt es weiter, habe auch das Istanbuler Unternehmen, das Jenix herstellt, bestätigt, dass die Lösung seit Jahren in TOMAs bei Protesten im Süden der Türkei sowie in Istanbul und Ankara genutzt worden sei. Das Mittel sei in Übereinstimmung mit den technischen Spezifikationen der Sicherheitskräfte produziert worden. „Es wird nicht direkt dem Wasser zugegeben, sondern befindet sich in einem separaten Tank, so dass die Polizei die Menge dosieren kann“, zitiert das Blatt den nicht namentlich genannten Sprecher. Brisant werde der Einsatz jedoch, wenn die Polizei es über der empfohlenen Dosierung verwende.

Bereits Anfang Juni war die Verunsicherung in der Türkei groß. Bei Anti-Regierungsdemonstrationen in der Stadt Erzurum hatte die Polizei gegen die Demonstranten einige Male nicht Wasser, sondern eine gelb-orange Flüssigkeit eingesetzt. Anhänger von OccupyGezi gingen davon aus, dass das Mittel dazu verwendet werden soll, um Teilnehmer an der Demonstration später ausfindig machen zu können. Wie lange die Flüssigkeit Spuren am Menschen hinterlässt, war ebenso unbekannt wie die Frage, ob das Mittel gesundheitliche Schäden verursacht (mehr hier).

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