Proteste fordern ihren Tribut: Türkische Polizisten zunehmend demoralisiert

Die seit rund vier Wochen andauernden Proteste in der Türkei ziehen auch an den Polizeibeamten nicht spurlos vorüber. Ihre Familien sehen sie kaum. Dazu kommen vermehrt Schlafprobleme, die sowohl physisch als auch physisch belasten. Am gravierendsten erscheint jedoch ein Umstand: Die einseitige Beurteilung, denen sie durch die Medien ausgesetzt sind.

Auch die Proteste in der Türkei haben zwei Seiten. (Foto: http://occupygezipics.tumblr.com/)

Auch die Proteste in der Türkei haben zwei Seiten. (Foto: http://occupygezipics.tumblr.com/)

Am vergangenen Samstagabend kam es am Istanbuler Taksim Platz erneut zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Mit Wasserwerfern vertrieben die Sicherheitskräfte die Menschenmassen, die sich zuvor friedlich zum Protest gegen die türkische Regierung versammelt hatten (mehr hier). Der Einsatz nach einer relativ ruhigen Woche zog erneut die internationale Aufmerksamkeit an. Mit Argusaugen wird das Verhalten der Beamten beobachtet. Von Beginn an wurden sie heftig für ihren massiven Einsatz von Tränengas, Pfefferspray und Wasserwerfern kritisiert. Doch es gibt auch eine andere Seite der Medaille.

Physische und psychische Belastung für Polizisten

„Ich bin verheiratet und habe ein Kind. Doch wegen der Proteste kann ich nicht nach Hause gehen und meine Familie sehen“, schildert ein Polizist in Ankara der Sunday Zaman sein persönliches Dilemma. „Diese Proteste haben unser psychisches und physisches Wohlbefinden stark beeinträchtigt. Wir können nicht richtig schlafen und kommen über Tage hinweg nicht einmal zum Duschen.“ Die Beamten, so schildert auch eine Kollegin, seien müde und erschöpft. Sie alle würden nach Hause in ihr normales Leben wollen. Jeglicher Urlaub, so schildert auch das Blatt, sei gestrichen. Überstunden würden anders als etwa in den USA nicht bezahlt. Rund 400 Arbeitsstunden hätten die Beamten in den vergangenen 20 Tagen abgeleistet.

Während die Regierung international für den unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt durch die Polizei heftig gerügt wird (mehr hier), ist etwa der türkische Sicherheitsfachmann Mehmet Özcan, Vorsitzender des Ankara Strategy Institute, anderer Auffassung. Seiner Ansicht nach, seien die Beamten gut mit der Situation umgegangen. „Wenn einige illegale Gruppen das Leben der Bürger und Polizisten gefährden und öffentliches Eigentum beschädigen, hat die Polizei das Recht, Gewalt anzuwenden.“ Während die Polizei verhältnismäßige Gewalt angewendet habe, sei sie jedoch mit unverhältnismäßigen Angriffen von diesen Gruppen konfrontiert worden. Es wäre, so fährt er fort, unfair zu behaupten, dass die Polizei unverhältnismäßige Gewalt eingesetzt hätte. Man sollte mit Blick auf die Angriffe prüfen und dann das Niveau der polizeilichen Intervention beurteilen, um das ganze Bild zu lesen.

Gewaltbereite Aktivisten nutzen die Proteste aus

Ein Rat, den in Deutschland auch der freie Journalist und Autor Eren Güvercin gibt (mehr hier). Einen Tag nach dem Protest auf dem Kölner Heumarkt (mehr hier) empfiehlt er an diesem Sonntag in seinem Blog ebenfalls einen kritischen Blick:

„Ohne alle Demonstranten in eine Ecke zu drängen, darf man aber auch nicht die Augen davor verschließen, dass extremistische und gewaltbereite Aktivisten diese Proteste ausnutzen und mit auf diesen Zug springen, sowohl in der Türkei als auch bei uns in Deutschland.“

Das bestätigt auch Professor Süleyman Özeren, Direktor des Internationalen Zentrums für Terrorismus und grenzüberschreitende Kriminalität (UTSAM) im Gespräch mit der Zaman. Abgesehen von einigen Einzelfällen (mehr hier) hätte die Polizei die Situation vernünftig gemeistert. Zunächst sei es bei den Demonstrationen um das Fällen von Bäumen gegangen. Doch bald hätten die Proteste eine andere Ebene erreicht. „Viele illegale Gruppen haben versucht, die Situation auszunutzen und die Polizei zu provozieren.“

Letzteres, so berichtet ein weiterer junger Polizist, ginge auch den Beamten nahe. Es sei wirklich verstörend jeden Tag mit diffamierenden Sprüchen konfrontiert zu werden. Die Polizisten würden von diesen Leuten wie Feinde behandelt.

Wie der türkische Innenminister Muammer Güler kürzlich bekannt gab, seien bisher mehr als 600 Polizisten während der Protesteinsätze verletzt und ein Polizeibeamter getötet worden. Wie die Zaman erfahren haben will, sollen die meisten Fälle in Istanbul geschehen sein. Die Polizisten hätten auf Grund geworfener Steine, Flaschen und Brandbomben vor allem Kopf- und Augenverletzungen davongetragen.

Mehr zum Thema:

Wieder Gewalt auf dem Taksim Platz: Polizei vertreibt Tausende Demonstranten
Proteste in der Türkei: Türkischer Geheimdienst untersucht Verbindungen zum Ausland
Türkische TV-Aufsicht: Erneut Sender wegen Protest-Berichterstattung abgestraft

 

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.