Gezi Park Proteste: Auseinandersetzungen setzen Kreativität der türkischen Kunstszene frei

Nach gut einem Monat sind die Proteste in der Türkei zwar etwas abgeklungen, vorbei sind sie allerdings nicht. Doch obschon noch mittendrin, wird bereits jetzt darüber spekuliert, wie sich die Demonstrationen in der Kunstszene des Landes widerspiegeln werden. Die Sorge bei einigen: Die Galerien könnten das Ereignis kommerziell ausschlachten.

Die Bilder und Videos, die die User weltweit täglich aus den verschiedenen türkischen Städten erreichen, sind bereits eindrucksvoll und packend zugleich. Bei diesen rohen Zeugnissen der aktuellen Protestbewegung wird es jedoch nicht bleiben. Auch die kreativen Köpfe des Landes greifen die Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei auf. In welche Richtung es gehen wird, darüber kann derzeit allerdings nur spekuliert werden.

Während einige Künstler des Landes der Meinung sind, dass derartige Bewegungen großflächig im Schaffen der Kollegen reflektiert würden. Sorgen sich andere jedoch darum, dass der kommerzielle Kunstmarkt das Thema regelrecht ausschlachten werde. Und dem, so ihre Auffassung, sollte von Anfang an begegnet werden.

Eigene Erfahrungen werden sich in der Kunst spiegeln

Die zeitgenössische Künstlerin Hera Büyüktaşçıyan etwa vertritt die Ansicht, dass die vergangenen Wochen das Leben der Demonstranten in allen Aspekten verändert hätten. Auch die Art des Sehens und das Erlebnis der Öffentlichkeit sei nicht mehr wie vorher (mehr hier). Das gelte, so die türkische Zaman, für jeden Einzelnen als auch für die Gesellschaft als solche. „Die Kraft des gesamten Prozesses hat die Kreativität auf ein derart hohes Niveau gehoben, dass die Bedeutungsgrenzen der künstlerischen Produktion gesprengt wurden und selbst zur Kunst geworden ist“, so Büyüktaşçıyan. Offensichtlich werde dies Auswirkungen haben und viele, viele Künstler bei der Schaffung ihrer Werke beeinflussen. Je nachdem, welche eigenen Erfahrungen sie gemacht haben, würden sich dann ihre Ergebnisse unterscheiden. Sie hält es für wichtig, dass sich die Kreativen nach einer solchen Erfahrung hinterfragen und entsprechend positionieren sollten. „Ich nehme an, von nun an wird dieses Thema offen sein für Kritik. Ich denke, es ist ein natürlicher Prozess – die Dinge und das ganze System der Kunst zu hinterfragen.“

Viele der sozialen, kulturellen und politischen Themen, die vormals nur durchdacht worden seien, hätten die Kreativen nun am eigenen Leib erfahren. Diese Zeit, so auch die Künstlerin, hätte auf viele von ihnen intensive Auswirkungen.

Sind neue Aspekte und Debatten überhaupt möglich?

Videokünstlerin Zeyno Pekünlü sieht das nicht ganz so euphorisch. Sie verweist auf den Unterschied zwischen der Verwendung von Politik als Gegenstand in einer Kunst und einer Kunst, die von der eigenen politischen Haltung beeinflusst werde. Ihrer Ansicht nach sei es nun entscheidend, zu hinterfragen, ob es nun überhaupt möglich sei, neue Fragen aufzuwerfen, eine neue Debatte anzuregen oder neue Aspekte einzubringen, anstatt zu fragen, wo und wie die Kunstwerke im Zusammenhang mit dem Gezi Park-Widerstand präsentiert werden sollten.

Auf der anderen Seite, so das Blatt, gebe es aber auch Menschen wie die Kuratorin und Schriftstellerin Özge Ersoy, der es in diesen Tagen eher um die Urheberschaft von Kunstwerken geht, die im Zusammenhang mit den Protesten in naher Zukunft enstehen könnten. Sie habe über die vergangenen Wochen bereits einen kreativen Ausbruch in Istanbul erlebt, der dabei half den Gezi-Park-Demonstranten eine Identität zu verleihen. Anonymität habe eine entscheidende Rolle bei der Herstellung dieser Identität gespielt (mehr hier). Doch in der Kunst wäre das meist genau anders herum. Kunst und Urheberschaft seien meist untrennbar miteinander verbunden und stünden damit entgegen der Protest-Prinzipien. „Ich bin daher vorsichtig mit der Präsentation von Kunstwerken in Galerien sowie in anderen Kunstinstitutionen, die sich speziell mit den Gezi-Protesten beschäftigen.“

Interessanter Diskurs erst mit Abstand

Ähnlich sieht das auch die Autorin und Kuratorin Zeynep Öz. Für mindestens fünf Jahre sollte es ihrer Ansicht nach keine Kunst über die Proteste geben. Sie verweist hier auf das Beispiel Beirut. Der libanesische Bürgerkrieg endete bereits 1990. Aber: Es habe mindestens bis zum Ende der 90er Jahre gedauert, bis es zu einem interessanten intellektuellen Diskurs gekommen sei. Das bedeute jedoch nicht, dass man nicht darüber sprechen sollte, wie man mit diesen Themen umgehe. In der Tat halte sie die Kunst für eine geradezu ideale Plattform. Ihre Sorge gelte jedoch dem mächtigen Kunstmarkt und Kunstbetrieb in İstanbul. Es könnten durchaus Probleme entstehen, wenn Künstler zu schnell mit entsprechenden Werken daher kämen. Denn: Dieser Markt könnte die Stücke quasi „bei lebendigem Leib“ verschlingen.

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