Anatolien versus Istanbul: Angst vor massiver Verschiebung der Wirtschaftsmacht

Die Geschäftsleute Anatoliens sind zu einer Konkurrenz für die Istanbuler Wirtschafts-Eliten geworden. Die AKP unter Erdoğan unterstützt die „Anatolischen Tiger“. Bei den Massenprotesten in der Türkei verhärteten sich die Fronten. Denn mehrere Mitglieder der TÜSIAD unterstützten offenkundig die Demonstranten.

In der Türkei ringen derzeit Istanbuler Industrie- sowie Bankiersfamilien und die türkischen Regierung um Premier Erdoğan um die Vormachtstellung. Ausschlaggebend ist die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen dem traditionellen Istanbuler Bürgertum – Mitglieder des Arbeitgeberverbands TÜSIAD – und einer neuen aufstrebenden Ansammlung türkischer Geschäftsleuten aus Anatolien (MÜSIAD und TUSKON).

Fuat Keyman, Professor an der Sabancı Universität, ist der Ansicht, dass die „Anatolischen Tiger“ oder „Islamischen Calvinisten“ immer mehr an Einfluss in der türkischen Wirtschaft gewinnen. Das geht auch aus einer Untersuchung der Europäischen Stabilitäts-Initiative (ESI) aus dem Jahr 2005 hervor.

Anatoliens Transformation

Diese Gruppierungen werden gestützt von der AKP-Regierung. „Das Geflecht der anatolischen Geschäftsleute ist sehr komplex. Es spielt eine große Rolle bei der wirtschaftlichen Transformation Anatoliens“, zitiert die Akşam Keyman.

Die Provinzen İzmir, Aydın, Denizli, Eskişehir, Konya, Kayseri, Çorum, Kars, Gaziantep, Urfa, Adıyaman und Diyarbakır seien erfolgreiche Beispiele für jene Transformation. Doch die TÜSIAD-Unternehmen erwirtschaften immer noch 40 Prozent des BIP der Türkei.

TÜSIAD gegen Erdoğan

Die Erdoğan – Gegnerschaft der TÜSIAD-Mitglieder zeigt sich in nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens: So hatten sich im Verlauf der Massenproteste in der Türkei, Industrielle und Bänker, wie zum Beispiel der Textilunternehmer Cem Boyner oder der Chef der Garanti-Bank, Ergun Özen, auf die Seite der Demonstranten geschlagen. In einer Rede, hatte Erdoğan den Banken-Chef persönlich angeprangert.

„Die Zinslobbyisten glauben, dass sie unser Volk mit ihren Drohgebärden an der Börse in die Knie zwingen können (…) Ein Geschäftsführer einer berühmten Bank [Ergun Özen von der Garanti Bank, Anm. d. Red.] steht nun auf und ergreift Partei für Vandalismus und Zerstörung. Doch wann immer diese Leute mit uns zusammen sitzen, schmieren sie uns Honig um den Mund und danken uns dafür, dass sich ihre Gewinne unter der AKP-Regierung um das fünffache erhöht haben“ (mehr hier).

Ali Koç, Jüngster Sohn des türkischen Milliardärs Rahmi Koç, ließ sogar verletzte Demonstranten im Divan-Hotel am Taksim-Platz medizinisch versorgen. Den Mitarbeitern im Hotel habe er die klare Anweisung gegeben, Verletzte im Hotel aufzunehmen – eine klare Parteinahme für die Regierungskritiker.

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