Türkei-Proteste: Wer sind die Gezi-Park-Demonstranten?

Die Demonstrationen um den Gezi-Park sind Ausdruck der Zurückdrängung der alten türkischen Elite seit Beginn der Regierungszeit der AKP, so der Soziologe Hatem Ete. Daran könne nur ein neues gesellschaftliches Bewusstsein beider Gruppen etwas ändern.

Auch wenn der vergangene Samstag ein anderes Bild zeichnet. Insgesamt sind die Proteste um den Gezi-Park  abgeebbt. Nun stellt sich allerdings die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass sich bei Teilen der Gesellschaft eine so enorme Wut angestaut hatte.

Keine Einigkeit im Wunsch nach Demokratie

Vereinfacht ausgedrückt, setzen sich die Demonstranten aus zwei Gruppen zusammen: Die einen zog es auf die Straße, weil sie gegen die Abschaffung der alten Türkei und die Gründung einer neuen Türkei sind. Für sie ist nicht wichtig, wer diese Änderung herbeiführt, sagt Hatem Ete von der Stiftung für Politik, Wirtschaft und Soziale Forschung (SETA).

Das zweite Lager seien Demonstranten, die für die Gründung einer neuen Türkei sind. Allerdings sind sie dagegen, dass Erdoğan diese Änderung herbeiführe. Diese Gruppen, deren politische Vorstellung äußerst verschieden sind, vereine nicht die Forderung nach Demokratie, sondern die Annahme, dass Erdoğan die Zukunft verändern werde. Der türkische Protest schaffte es kürzlich sogar bis in die New York Times (mehr hier).

Aus diesem Grund wurden die Proteste auch nicht von Forderung, sondern von Ablehnung bestimmt. Slogans wie „Genug ist genug“ und „Verdammt seien manche Sachen“ sind beispielhaft für diese Haltung. Die Gezi-Demonstranten sind unzufrieden und wütend, so der Soziologe.

Sorgen der alten türkischen Eliten

Die Gezi-Park-Bewegung werde seiner Ansicht nach durch vier Emotionen bewegt: Elitismus, das Gefühl der Niederlage, verzweifelte Hoffnungslosigkeit und Angst bis hin zur Paranoia. Für Ete hat besonders der Elitismus eine Rolle gespielt. Die elitäre Stellung verschiedener Gruppen, die durch politische, wirtschaftliche und kulturelle Vorteile geprägt war, sei während der Regierungszeit der AKP immer mehr in Gefahr geraten.

Gruppen, die vor der Regierungszeit der AKP als ungebildet, reaktionistisch betrachtet wurden, wurden durch die AKP zur Bedrohung für die Elite, so Ete weiter. Die Proteste brachten damit die Forderung auf, wieder zurück zur politischen Führung zu gelangen.

Die Zeiten ändern sich…

Ete zufolge müsse die AKP endlich die Notwendigkeit gesellschaftlicher Unterschiede akzeptieren. Die alten türkischen Eliten dagegen müssten jedoch damit klarkommen, dass sich die Zeiten ändern und sie nicht die allein die Führung eines Landes für dich beanspruchen können.

Am vergangenen Samstag ist es in Istanbul erneut zu Zusammenstößen zwischen der türkischen Polizei und Demonstranten gekommen. Der von der „Taksim-Plattform“ organisierte Protest kam für viele überraschend, da die Bebauungspläne für den Gezi-Park von einem Istanbuler Gericht für nichtig erklärt wurden. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Im Verlauf der aktuellen Proteste solidarisierten sich auch CHP-Mitglieder mit den Demonstranten. Erdoğan gab bereits während der vergangenen Wochen der CHP eine Hauptschuld für die Eskalation der Situation. „Die CHP ist darauf Bedacht, ihre politische Unfähigkeit dadurch zu verstecken, indem sie unser Volk gegen uns aufbringt. Sie nutzen die Situation auf den Straßen aus, statt konstruktive Oppositionspolitik im Parlament zu betreiben“, so Erdoğan (mehr hier).

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