Ramadan verkehrt: Viele Gläubige verfallen dem Konsumrausch

Die Zeit der Besinnung und der Wohltätigkeit während des Ramadans wird offenbar nicht von allen Muslimen ernst genommen. Nicht wenige schlagen ins Gegenteil und damit in einen regelrechten Konsumrausch um. Es ist ein Phänomen, das vor allem die arabische Welt mehr und mehr beschäftigt.

Verzicht auf weltliche Genüsse von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Sich dafür aber wohltätig zeigen und mit den Bedürftigen fühlen: Das zeichnet den Geist des Ramadans aus. Der heilige Fastenmonat verkommt in einigen Ländern allerdings immer mehr zu einer Phase, die eher von Zeitvertreib und Konsum, als innerer wie äußerer Einkehr bestimmt wird.

Musik und Shoppen statt Verzicht

Anstoß an dieser Entwicklung nimmt Amir Jihad. Dem einstigen Direktor eines religiösen Radiosenders in der libanesischen Hauptstadt Beirut sind unter anderem die so genannten Ramadanzelte ein Dorn im Auge. Dort gibt es während des heiligen Fastenmonats Musik- und Gesangsveranstaltungen. Im Vordergrund stehen Genuss und Amüsement. „Was hat das noch mit Ramadan zu tun, mit Gottesfurcht, Enthaltsamkeit und Selbstdisziplin, die wir in diesem Monat üben sollten?“, zitiert ihn Deutschlandradio Kultur. Als besonders skurril empfindet er Werbeaktionen von Nachtclubs, die zum Zuckerfest Tanzaufführungen anbieten würden.

Dass sich der Alltag im Ramadan vom Rest des Jahres unterscheidet, ist Amir Jihad wohl bewusst. Doch die kürzeren Arbeitszeiten, die den Menschen mehr Freizeit und Ruhe bringen, würden seiner Ansicht nach falsch eingesetzt. „Die Menschen beschäftigen sich vor allem mit dem Geldausgeben, mit Essensvorbereitungen am Abend, mit dem Besuch von Einkaufszentren und Shoppen.“

Angebot und Deko wie zu Weihnachten

In der Tat sind letztere in fast allen arabischen Ländern, sogar im ultrakonservativen Saudi-Arabien für den Ramadan gerüstet. Auffällige Dekoration, wie man sie hierzulande von Weihnachten kennt, Sonderangebote und Co. lassen die Kunden häufiger zuschlagen als sonst. Lebensmittel, Kleidung und religiöser Kitsch stehen dann besonders hoch im Kurs. Für viele sind vor allem die ersten Tage am schwersten (mehr hier).

Auch Deutschlandradio Kultur-Korrespondentin Anne Allmeling aus Rabat, Marokko, beschreibt die Situation in vielen arabischen Ländern wie folgt: „Einkaufen spielt auf jeden Fall eine unheimlich große Rolle.“ Nicht nur während des Ramadans sei das so, sondern schon in den Wochen davor gingen die Vorbereitungen los. Hintergrund sei hier unter anderem, dass während des Fastenmonats wegen der starken Nachfrage die Lebensmittelpreise steigen würden. Wer sich die teuren Produkte nicht leisten könne, der sorge eben ordentlich vor.

Langes Fasten: Menschen suchen Ablenkung

Auch der Faktor Ablenkung während der langen Fastentage spielt ihrer Ansicht nach mit hinein. Und eine Möglichkeit hierfür sei eben das Shoppen. Natürlich gebe es auch die andere Seite. Familien, die sich bewusst auf den Verzicht einstellen würden und den Ramadan genau so gestalten wollen, wie er gedacht sei, „als Familienfest, als Fest, in dem man auch an die Bedürftigen denkt und sich gegenseitig eine Freude macht, indem man zusammensitzt“.

Eingesetzt hat diese Entwicklung zu einer regelrechten Ramadan-Industrie, die es in der gesamten arabischen Welt gibt, erst in den vergangenen 20 Jahren. Diese, so die Korrespondentin, ging mit der Wohlstandssteigerung einher, aber auch mit der Einführung des Satellitenfernsehens und dem zunehmenden Angebot an Krediten. Außerdem sei auch der gesellschaftliche Druck immens. „Was denkt der Nachbar?“, das spiele gerade in Marokko eine wesentliche Rolle. Die Folge: Die Menschen übertreiben.

Das sollten Urlauber inzwischen beachten, wenn sie sich im islamischen Ausland aufhalten (mehr hier).

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