Türkei, Ägypten, Brasilien: Die Straßenproteste sind noch der leichte Teil

Die andauernden Proteste in der Türkei, in Ägypten und in Brasilien halten die Welt seit Wochen in Atem. Doch die teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei scheinen mit Blick auf die Zukunft fast noch die „leichtere Übung“. Denn: Es gilt, auch langfristig eine echte Veränderung herbeizuführen.

Die Bilder, die in den vergangenen Wochen über sämtliche Kanäle flimmerten, könnten unterschiedlicher nicht sein. In Brasilien gingen junge Leute in Tops und Shorts auf die Straße. In Ägypten trugen sie Kopftuch und lange Kleidung. Und auch in der Türkei zeigten sich die Demonstranten anders. Diese Masse war bunt gemischt. Doch die verschiedenen Zusammensetzungen, die unterschiedlichen Anliegen und auch andere Sprachen können nicht darüber hinweg täuschen, dass es ihnen allen um eine Sache ging: Sie alle stellten sich gegen die politische Führung ihres Landes. Das war jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die Proteste ebben ab. Jetzt gilt es, die Bewegung auf den Straßen zu kanalisieren, langfristig Veränderungen herbeizuführen.

In Istanbul, Rio und Kairo trugen die Massen berechtigte Beschwerden gegen ihre jeweiligen Demokratien vor. Die Themen sind gravierend: Korruption in Brasilien; schleichender Autoritarismus in der Türkei; wirtschaftliche Inkompetenz in Ägypten. Dass es am Ende in allen drei Ländern jedoch so viele und vor allem so junge Leute waren, die auf die Straße gingen, hat nicht wenige ordentlich überrascht.

Twitter, Facebook und Co. vereinen Massen

Einen Haken haben diese Massen-Demonstrationen aber allemal: „Wie uns allen schon viele Male gesagt wurde, sind diese Dinge heute viel einfacher zu organisieren. Die Kombination aus Twitter, Facebook, sowie das eher altmodische Medium Fernsehen, kann helfen, die Menschen auf die Straße zu bringen“, so Anne Applebaum vom Magazin Slate. Wer schon einmal entsprechende Fotos oder Videos gesehen hätte, für den sei es einfach, eigene provokante Plakate zu erstellen, sich entsprechend anzuziehen und etwas „Straßentheater“ zu organisieren. Auch die Polizei hätte mit ihrem Einsatz von Tränengas sicherlich dazu beigetragen, dass es zu eskalierenden Situationen gekommen sei (mehr hier).

„Aber auch, wenn es heute einfacher denn je, die Menschen auf der Straße zu bekommen, ist es immer noch sehr schwer, die Leute danach mit der erforderlichen organisatorischen Arbeit bei der Stange zu halten“, heißt es weiter. Diese Erfahrung hätten die vergangenen Jahre gelehrt. Ein mit Hilfe des Internets herbeigeführter Flashmob sei nicht unbedingt dazu gemacht, große institutionelle Veränderungen zu schaffen. „Soziale Medien sind nicht dasselbe wie sozialer Aktivismus. Der Mut und die Hingabe, die man braucht, um eine Gesellschaft zu verändern, ist nicht das Gleiche wie der Impuls, den es braucht, um eine Masse zu verbinden“, so die Autorin. Entsprechende Märsche schafften es vielleicht kurzzeitig in die Schlagzeilen. Reale Veränderung erforderten allerdings die Gründung von Institutionen, politischen Parteien, von Nachrichten-Organisationen, von lokalen und Bürgerinitiativen, von  Wirtschafts-Clubs und Diskussionsgruppen, die über die Interessen der Nation nachdenken und nicht eine einzelne Gruppe oder Fraktion.

„Am Ende hängt der Erfolg einer Straßendemonstration in einer Demokratie davon ab, inwieweit ihre Mitglieder dazu bereit sind, ihren Protest in realen Aktivismus umzukehren.“ Es gelte, sich aktiv in die politischen Systeme zu begeben, um im Rahmen des Gesetzes zu arbeiten und die Leidenschaft und Wut in institutionellen und schließlich politischen Wandel umzuleiten.

Türkei: Politische Alternativen müssen her

In der Türkei könne das jedoch eine echte Herausforderung werden. Die jungen Leute müssten ihre politische Botschaft nicht nur der weltlichen und gut ausgebildeten Bevölkerung näher bringen, sondern in erster Linie auch der großen Masse an Anhängern von Premier Recep Tayyip Erdoğan und seiner AKP. Ein erster Schritt hier eine Alternative zu schaffen, sei es in der Tat, überhaupt zu verstehen, dass es eine solche brauche (mehr hier).

„Es ist angenehm gegen Politiker zu wettern, solange man selbst einer werden möchte und es ist angenehm gegen das politische Establishment zu wettern, solange man das Ziel hat selbst zu ihnen zu gehören.“

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