Ekşi Sözlük: Darum ist das erste Soziale Netzwerk der Türkei so erfolgreich

Dass freie Meinungsäußerung tatsächlich ein Verkaufsargument sein kann, das haben sich die US-amerikanischen Kollegen von Sedat Kapanoglu nicht träumen lassen. Doch in der Tat hat der Schöpfer von Ekşi Sözlük nichts anderes gemacht. Er hat im Internet einen Ort der Freiheit zur Verfügung gestellt. Seine Erfolgsgeschichte scheint heute relevanter denn je.

Als Sedat Kapanoglu, der Erfinder des ersten türkischen Sozialen Netzwerkes mit der Entwicklung von Ekşi Sözlük begonnen hat, war alles noch ganz harmlos. Er hatte 2004 einen Job bei Microsoft in Redmond, Washington angenommen und bastelte so ganz nebenher an seinem eigenen Projekt. Seinem Team erzählte er nichts. Doch dann nach fünf Jahren begann das schlagartige Wachstum seiner Seite. Ekşi Sözlük, das ihm mittlerweile mehr einbrachte als sein Job bei Microsoft, noch länger unter dem Radar fliegen lassen? Unmöglich!

Regierung hat Twitter und Facebook im Visier

Seit Februar 1999 existiert die Seite nun schon. Mit ihrem Aufkommen begann in der Türkei auch die Kultur der freien Meinungsäußerung im Internet. Dort, in der damals noch neuen Online-Welt, konnten die Türken alles sagen, was sie wollten – trotz der Restriktionen, die sie im realen Leben diesbezüglich hinnehmen mussten.

Mittlerweile, so Forbes, habe es schon einige Versuche gegeben, Ekşi Sözlük dicht zu machen. Aber noch immer habe die Seite nichts von ihrer Stärke verloren. Heute, da es die türkische Regierung auf Unternehmen wie Facebook oder Twitter abgesehen habe (mehr hier), scheint die Geschichte des ersten Sozialen Netzwerks des Landes relevanter denn je.

Für den 1976 in Eskisehir geborenen Sedat Kapanoglu, der sich das Programmieren einst selbst beigebracht hat, lag die Idee Ekşi Sözlük ins Leben zu rufen auf der Hand: „Das Veröffentlichen von Inhalten im Internet war damals ziemlich hart.“ Seine Seite sollte einem Trip wie bei „Per Anhalter durch die Galaxis“ gleichkommen. Leute sollten schreiben, über was sie wollten, so neue Zugänge schaffen und das Ganze ohne eine Art von „Moderation“ oder eine zugrundeliegende Ideologie. „Meine Vision war vor allem ‚ alles ist Information’“, so Kapanoglu heute. Er schaffte nur den Zugang über ein Wörterbuch ähnliches Format. Derzeit soll übrigens auch Skype sehr interessiert am Standort Türkei sein (mehr hier).

„Es ist ein Wörterbuch erstellt von Usern“

Dass das Ganze für die Türkei neu sein sollte, dessen sei er sich gar nicht bewusst gewesen. Internetforen gab es bereits. Doch stets standen darüber Moderatoren mit einer bestimmten Ideologie, die jene User, die nicht dazu passten oder gar Kritik daran übten, einfach ausschlossen. „Niemand vor mir kam mit der Idee ‚freie Meinungsäußerung zu gestatten‘ um die Ecke.Sofort waren die Menschen für die Idee eine ‚riesige freie Informationsquelle‘ aufzubauen, Feuer und Flamme.“ Sein Gespür gab ihm Recht. Als er vor nunmehr neun Jahren in die USA ging, rangierte sein Netzwerk bereits unter den Alexa-Top 10 der meistbesuchten Seiten der Türkei.

„Du kannst darin aufschreiben, was immer du möchtest“

Auf die Frage seiner US-Kollegen, was Eksi Sozluk eigentlich sei, antwortete er zumeist ganz simpel: „Es ist ein Wörterbuch erstellt von Usern.“ Natürlich hat das die meisten erstaunt. Wie schafft es bloß ein Wörterbuch unter die beliebtesten Seiten der Türkei zu kommen? Den Schlüssel zum Erfolg gab ihnen Kapanoglu doch spätestens jetzt mit auf den Weg: „Du kannst darin aufschreiben, was immer du möchtest.“ Doch auch das überzeugte viele noch nicht. Freie Meinungsäußerung, das gehörte für sie in den USA einfach dazu. Dass ausgerechnet das eine Nische sein konnte, war neu für sie. Warum aber genau das für die türkische Bevölkerung so wichtig ist, erklärt er nach wie vor wie folgt:

„Es ist, als würdest du nach 20 Jahren Taubheit Ohrtransplantate bekommen und nun versuchst du den Menschen zu erklären, warum es deine Lieblingsbeschäftigung ist die Augen zu schließen und auf die Geräusche der Straße zu achten.“

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