Erdoğan will Universitäten mit religiösen Aufpassern kontrollieren

Säkulare Wissenschaftler haben sich im Rahmen der „Akademie der Wissenschaften“ („Bilim Akademisi“) zusammengeschlossen, um frei forschen zu können. Damit wollen sie Repressionen seitens der AKP-Regierung entgehen. Ihre Beschwerde: Die AKP besetze alle staatlichen Bildungsinstitutionen mit Islamgelehrten.

Säkulare Wissenschaftler und Forscher der Türkei rücken näher und versuchen sich auf allen Ebenen zu unterstützen. Sie fürchten sich nicht nur vor politischem Druck der AKP, sondern auch vor der neuen bildungspolitischen Ausrichtung der staatlichen Unis.

Die türkische Regierung versuche alle Bildungsinstitutionen unter die Aufsicht von Religionsgelehrten zu stellen. In nahezu alle Führungspositionen werden Theologen oder AKP-nahe Personen berufen. Der Staate nehme immer mehr an Einfluss.

Die Kluft zwischen religiösen- und säkularen Wissenschaftlern werde immer größer, schreibt Michel Cantanzaro auf der Homepage des britischen Berufsverbands „Royal Society of Chemistry“. So verweigert die AKP staatliche Bezuschussungen für Evolutions-Workshops (mehr hier).

Angst vor Repressionen

Aufgrund der staatlichen Repressionen haben türkische Wissenschaftler im Jahr 2011 eine Forschungs-Stiftung ins Leben gerufen. Sie nennt sich „Akademie der Wissenschaften“ („Bilim Akademisi“). Die Akademie hat insgesamt 120 Mitglieder und hat sich die unabhängige Forschung auf ihre Fahnen geschrieben. Ihre Finanzierung läuft über Spenden und Mitgliedsbeiträge.

„Weitere prominente Wissenschaftler möchte in unsere Akademie eintreten. Doch sie fürchten die Rache der Regierung“, so Ersin Yurtsever, Chemie-Professor an der Koҫ Universität.

Der Fall Kemal Gürüz

Die Angst der Wissenschaftler ist nicht unbegründet. Im Zuge des Ergenekon-Verfahrens wurde 2009 der ehemalige Vorsitzende des Wissenschafts- und Technologieforschungsrat der Türkei (TÜBITAK), Kemal Gürüz, mit dem Vorwurf des Putschversuchs fest genommen. Im Juni versuchte er sich in seiner Gefängniszelle das Leben zu nehmen. Doch der Selbstmordversuch scheiterte.

Gürüz gehört zu den Feindbildern der AKP. In seiner Amtszeit als Präsident der Obersten Hochschulbehörde (YÖK) war er strikt gegen die Öffnung der türkischen Universitäten für Studentinnen mit Kopftüchern. Er trat auch für ein Kopftuchverbot auf öffentlichen Straßen und Plätzen ein, berichtet die Zaman. Die türkische Gesellschaft befindet sich mitten im Prozess der Polarisierung.

Mehr zum Thema:

Zurück in die Heimat: 250 türkische Wissenschaftler gestalten ihre Karrieren neu
Kopfgeld für Veröffentlichungen: TÜBİTAK schraubt Anreize für Wissenschaftler nach oben
Bildungsinitiative: Türkische Universitäten sind ab sofort kostenfrei

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.