Türkischer Gesundheitsminister irritiert: Frauen mit Angst vor Schmerzen können keine mutigen Kinder großziehen

Mit einer abstrusen Theorie wirbt der türkische Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoğlu derzeit für natürliche Geburten. Seiner Ansicht nach hätten nämlich nur tapfere Mütter auch tapfere Kinder. Seine Aussagen dürften für neuerlichen Wirbel in der türkischen Öffentlichkeit sorgen. Einen ernsten Hintergrund haben sie dennoch.

Die Diskussion über die umstrittenen Aussagen von Ömer Tuğrul İnançer über die Präsenz schwangerer Frauen in der Öffentlichkeit ist noch immer in aller Munde, da schickt sich schon der nächste Kandidat an, den Unmut der türkischen Bürgerinnen auf sich zu ziehen. Diesmal ist es Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoğlu. Seine abstruse Theorie: Frauen, die Angst vor den Schmerzen bei einer natürlichen Geburt haben, könnten auch keine tapferen Kinder großziehen.

„Einer unserer Freunde sage: ‚Mütter könnten vielleicht Angst vor dem Schmerz „[während einer normalen Geburt] haben. Wie kann eine Mutter, die Angst davor hat, ein mutiges Kind großziehen?“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet den Politiker. Eine Mutter, so seine These, müsse mutig sein, um tapfere Kinder großzuziehen. „Ich finde es nicht richtig, einen Kaiserschnitt damit zu legitimieren. Mutterschaft bedeutet Mut. Mütter sind mutig. Wenn das Kind natürlich geboren wird und die Mutter tapfer ist, dann ist auch  das Kind stark und mutig“, so seine rein männliche Perspektive.

Gesundheitsministerium wirbt für natürliche Geburten

Das Ministerium, so Müezzinoğlu weiter, würde natürliche Geburten befürworten. Erleichtert werden könnte den Frauen die Prozedur durch eine epidurale Anästhesie oder etwa durch Hypnose. Die Mitarbeiter im Gesundheitswesen jedenfalls würden dazu angehalten, Mütter auf eine normale Entbindung vorzubereiten und diese als Priorität zu betrachten.

Die Aussagen des Gesundheitsministers wirken zwar befremdlich, wenn nicht gar zutiefst verstörend, haben jedoch einen ernsten Hintergrund. Eine im Sommer 2012 vom türkischen Gesundheitsministerium veröffentlichte Statistik zu Kaiserschnitt-Geburten in der Türkei hat in der Folge zu einer breit angelegten Debatte im Land geführt. Auch der der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan sprach im Zuge seines folgenschweren Satzes „Abtreibung ist Mord“ (mehr hier) das Thema an. Seiner Ansicht nach sei Abtreibung ein Verbrechen und Kaiserschnitte absolut unnatürlich.

Kaiserschnitte: Türkei weit über WHO-Quote

Während das Abtreibungsrecht in der Türkei infolgedessen nicht verschärft wurde und somit alles so blieb, wie es war, sollten mit einem neuen Gesetz jedoch die immer weiter ansteigenden Zahlen an Kaiserschnitten zurückgefahren werden. In einigen türkischen Privatkliniken lag ihr Anteil nach Regierungsangaben noch im vergangenen Jahr bei 90 Prozent und damit weit über der von der WHO empfohlenen Quote von 15 Prozent.

Der Trend ist vor allem in den letzten Jahren zu beobachten: In öffentlichen Krankenhäusern lag die Rate der Kaiserschnitte im Jahr 2009 bei 39.3 Prozent. In Privatkrankenhäusern erfolgten gar 61.8 Prozent der Geburten auf diesem Weg. Noch höher war der Prozentsatz mit 63.2 in Universitätskrankenhäusern. Im Jahr 2010 stiegen die Zahlen erneut auf 40.2 Prozent, 63.7 Prozent und 65.2 Prozent. Etwas anders dann die Verteilung im Jahr 2011: 36,8 Prozent aller Geburten in öffentlichen Krankenhäusern waren ein Kaiserschnitt, 66.6 Prozent fanden in privaten Krankenhäusern statt und 65.9 der Geburten in Universitätskrankenhäusern erfolgten via Skalpell (mehr hier). Auch die deutschen Hebammen wollen die Zahl der Kaiserschnitte senken. Diese seien nur in jedem zweiten Fall notwendig (mehr hier).

Erst vor wenigen Tagen hatte Ömer Tuğrul İnançer mit seinem Auftritt in einem Ramadan-Programm auf TRT 1 für landesweite Aufschreie gesorgt. Probleme schien dieser nicht nur mit der öffentlichen Präsenz von Schwangeren zu haben. Seiner Meinung nach schicke es sich außerdem nicht, wenn schwangere Frauen im TV der ganzen Welt verkünden, dass sie ein Kind erwarten würden (mehr hier).

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