Türkischer Ingenieurstitel wird an Berufsschullehrer verscherbelt

Der türkische Hochschulrat (YÖK) möchte Ingenieurstitel an Berufsschul-Lehrer vergeben. Dazu wurde während der Massenproteste in der Türkei eine Verordnung ins Leben gerufen. Doch die Ingenieurskammer befürchtet die Abwertung des Berufs und bezweifelt positive Auswirkungen für den Arbeitsmarkt.

Der türkische Hochschulrat (YÖK) hat während der Gezi-Park Proteste Anfang Juni das „Programm zur Vollendung technischer Lehrkräfte zu Ingenieuren“ aufgesetzt.

Demnach können Lehrer der technischen Berufsschule nach einer einjährigen Weiterbildung den Ingenieurstitel erwerben, so der YÖK. Der AKP-Abgeordnete Zonguldaks, Prof. Dr. Ercan Candan, geht von ca. 50.000 Berufsschullehrern aus, die arbeitslos sind, weil sie nicht in der freien Wirtschaft arbeiten können und auch nicht als Lehrer nachgefragt werden, berichtet das Onlineportal Haber Hayat.

Andere Quellen nennen 100.000 arbeitslose Berufsschullehrer. Die Ingenieurskammer spricht in einer an den Hochschulrat gerichteten Stellungnahme von einer „Revanche“ der Regierung für die Folgen des Putsches vom 28. Februar 1997. Damals setzte das Militär eine Zugangsquote für Ingenieursstudiengänge fest, die ursprünglich die Abgänger der religiösen Imam-Hatip-Schulen treffen sollte, jedoch alle Abgänger beruflicher Gymnasien vom Ingenieursstudium ausschloss, berichtet das Nachrichtenportal Ekonobil.

Der gewaltlose Putsch von 1997 zog noch heute schwerwiegende politische und soziale, aber auch bildungspolitische Folgen nach sich. Das Militär drohte der damals regierenden Refah-Partei, einer konservativ-islamische Partei, mit Gewalt, falls sie nicht von selbst zurückgetreten würde. Die Armeeführung legitimierte den Putsch mit Gefahren durch islamistische Haltungen in der Regierung. Vor dem Putsch war es für ausgebildete Berufsschullehrer möglich, eine einjährige Weiterbildung zum Ingenieur zu absolvieren, denn das Gesetz zur „Weiterbildung von technischen Lehrern zu Ingenieuren“ existiert bereits seit 1992, wurde aber nach dem Putsch nicht angewandt.

Der Verband der Architekten- und Ingenieurskammern (TMMOB) warnt vor der Abwertung des universitären Titels, zumal die Arbeitsmarktlage für Ingenieure bei durchschnittlich 25% Arbeitslosigkeit jetzt schon angespannt sei. Zudem sei es ein falsche Anreiz für Studierwillige, unterschiedliche Ausbildungen mit dem gleichen Titel abschließen zu können.

Der „Verein für die Pflege der Rechte technischer Lehrer“ hingegen betrachtet die Reform als überfällige Korrektur der ideologisierten Bildungspolitik des Militärs. Dieser Schritt des Hochschulrats bedeute nichts anderes, als die Anwendung bestehender Gesetze, schreibt die Journalistin Tuba Ilze auf dunya.com.

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