Studie: Aleviten wollen sich von anderen Religionen befreien

Um die Unterschiede des Alevitentums in der Türkei zu erfassen, hat das Haci-Bektas-Veli-Zentrum der Aleviten eine Studie in Auftrag gegeben. Eine Gruppe aus religiösen Meinungsführern und Wissenschaftlern soll der aktuellen alevitischen Praxis auf den Grund gehen. Die Studie soll helfen, die alevitische Lehre von Elementen anderer Religionen zu befreien.

Das „Hacı Bektaşı Veli Dergâhı“ (Haci Bektas Veli-Zentrum) möchte die unterschiedlichen Ausprägungen des alevitischen Glaubens untersuchen lassen. Dazu wurde eine Expertenkommission aus anerkannten Geistlichen und Wissenschaftlern einberufen. Sie soll die regionalen Unterschiede in der religiösen Praxis und die allgemeinen Grundlagen des Glaubens erhellen. „Wir möchten damit auch Elemente anderer Religionen, die im Alevitentum zu finden sind, ausfindig machen. Indem wir das Alevitentum von diesen Elementen befreien, tun wir etwas Richtiges“, so Veliyettin Ulusoy, das Oberhaupt des Haci Bektas Veli- Zentrums.

Im Zuge dieser Aufklärungsbestrebungen wurden 31 Konferenzen, davon 19 in der Türkei und zwölf in Europa organisiert. Ziel war es, den allgemeinen Kanon der alevitischen Dichtung zeitgemäß zu interpretieren. Im Anschluss daran sollen die Regeln für den „Cem“, den Gottesdienst alevitischer Gemeinden, erneuert werden.

Die Ergebnisse sollen auch den lokalen geistlichen Autoritäten und der Ausbildung ihrer Nachfolger dienen. Denn das Alevitentum stützt sich nicht ausschließlich auf den Koran. Gebete können daher auch das Rezitieren von Gedichten oder Tänze einschließen.

Basierend auf der Studie und den Konferenzen der alevitischen Meinungsführer ist ein Nachschlagewerk für die Regeln des Gebets, der Bestattung und die allgemeinen Prinzipien des Alevitentums geplant. „Die Bestattung von Aleviten gleicht immer mehr dem Ablauf sunnitischer Bestattungen. Dabei haben wir dafür unsere eigenen Rituale. Wir denken, dass es Zeit ist, zu unseren eigenen Grundlagen zurückzufinden. Jede Farbe ist in ihrer eigenen Natürlichkeit schön“, sagt Ozan Veli Aykut, ein Sänger geistlicher Lieder, gegenüber Radikal.

Im Laufe der Geschichte der Unterdrückung der Aleviten kam es nie zu einer einheitlichen Verschriftlichung der Lehren. Das liegt unter anderem daran, dass die muslimische Religionsgemeinschaft ihren Glauben aus Angst vor Repressalien nicht öffentlich leben konnte. Ein weiteres Hindernis ist die Tatsache, dass es kurdische, türkische und arabische Aleviten gibt. Die Mehrheit der Aleviten versteht sich als Teil der muslimischen Gemeinschaft.

Aleviten bilden nach verschiedenen Schätzungen zehn bis 25 Prozent der türkischen Bevölkerung. Schiiten wie Aleviten betrachten Ali, den Schwiegersohn Mohammeds, als rechtmäßigen Nachfolger des Propheten, Sunniten hingegen Abu Bakr, den Schwiegervater Mohammeds. Aus diesem Streit heraus entwickelten sich die sunnitische, schiitische und alevitische Konfession. Seit dem Osmanischen Reich bis zur heutigen Türkei werden Aleviten diskriminiert. Bis heute werden sie vom türkischen Staat nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt.

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