Muslimische Emanzipation in Großbritannien: „Inclusive Mosque Initiative“ fordert Moscheen für alle

Was soll falsch daran sein, wenn Männer und Frauen gemeinsam in der Moschee beten? Das fragt sich seit November 2012 die „Inclusive Mosque Initiative“ in London. Gegründet wurde sie von progressiven Muslimen. Und sie gehen noch viel weiter: Frauen als Vorbeterinnen sind ihnen ebenso willkommen wie Homosexuelle. Für Konservative eine echte Provokation.

In der feuchten Kellerraum eines karibischen Restaurants in London spielt sich, zumindest aus der Sicht konservativer Muslime, eine kleine Sensation ab. Dort tritt eine Vorbeterin vor die Gläubigen. Doch dem nicht genug. Männer und Frauen wenden sich hier gemeinsam Allah zu. Die Szenerie im Stadtteil Camden geht auf das Konto der „Inclusive Mosque Initiative“ (IMI). Eine Gruppe liberaler Muslime, die nichts dagegen einzuwenden haben, dass Frauen das Ruder übernehmen und den Männern gleichgestellt ihre Gebete verrichten.

„Wir werden niemanden diskriminieren.“

IMI, so berichtet Al Arabiya, wurde im vergangenen November gegründet. Zu den Initiatoren gehört unter anderem Tamsila Tauqir. Das Motiv der jungen Frau sei pure Frustration gewesen. Frustration über das, was sie in britischen, aber auch in Moscheen in der gesamten muslimischen Welt beobachten musste. Die Praktiken des Islams, erklärt sie, würden noch immer auf den „kulturellen Traditionen des Patriarchats“ basieren. Grundlage hierfür seien Texte, die „300 Jahre nach dem Tod des Propheten zusammengestellt wurden“. „Wir werden niemanden diskriminieren. Sie können Sunniten oder Schiiten sein, homosexuell, Menschen mit Familien und Menschen ohne“, so Tauqir bereits in einem früheren Gespräch mit der BBC.

Laut Tauquir stünde nirgends im Koran, dass Frauen und Männer nicht gemeinsam beten dürften. Oder Frauen keine Vorbeterinnen sein könnten. Eine Auffassung, die ihr natürlich nicht selten von Seiten der Männer streitig gemacht wird. Frauen, so zitiert auch Al Arabiya ein besonders kritisches Exemplar, könnten so etwas nicht machen, wenn Männer hinter ihnen stünden. Schließlich müssten sie sich zum Gebet verneigen und dürften dabei nicht ständig daran denken, dass ihnen jemand auf den Hintern schauen könnte. Denn das sollte das Letzte sein, worüber man in einer solchen Situation nachdenken müsste. Doch auch Frauen betrachten die Neuerungen skeptisch. Man könne nicht einfach alles so zurechtbiegen, wie man es selbst wolle, so deren Argument.

„Ich verstehe, dass die Leute schockiert sind, weil wir gelernt haben, dass Männer und Frauen getrennt beten, aber ich habe mich angepasst“, so die 33-jährige Sophia, die der Gruppe zum ersten Mal beigewohnt hat. Ihr Argument klingt wesentlich stichhaltiger: „Viele Leute vergessen, sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Sie wissen nur, was alle anderen tun ohne sich die Zeit zu nehmen, um den Koran zu lesen.“ Zwar ist auch sie nicht mit allem einverstanden, wie etwa mit der Anwesenheit einer handvoll homosexueller Männer, doch Toleranz, das wird deutlich, schreibt diese Gruppe groß.

IMI hat noch keine feste Anlaufstelle

Nach eigenen Angaben hat IMI derzeit um die 500 Anhänger in ihrer Mailingliste. Eine feste Anlaufstelle gibt es bisher allerdings noch nicht. Keine Moschee habe sich bis dato bereit erklärt, ihre Treffen zu beherbergen. Zwei bis drei Mal im Monat würde man sich deshalb in angemieteten Räumlichkeiten treffen. Derzeit versuche man Spenden zu bekommen, um diese Situation zu ändern.

Obschon die Gruppierung in Großbritannien noch relativ isoliert da steht, ist man andernorts mit diesen Themen schon viel weiter. Nach Angaben der BBC sei IMI Teil eines wachsenden globalen Netzwerks mit Standorten in Srinagar in Indien und Kuala Lumpur in Malaysia. Unterstützung gebe es darüber hinaus in den USA, Kanada, Südafrika, Australien und Schweden. Ihr oberstes Ziel ist es, ein Netzwerk von internationalen Moscheen zu etablieren. Tauqir wisse, dass ihr Handeln in den Augen vieler durchaus provokativ sei. Die Intention sei jedoch eine andere: Man wolle eine Atmosphäre des Willkommen-Seins schaffen. „Wir wollen der Mainstream-Community zeigen, dass wir nicht alle Extremisten, sondern Menschen sind.“

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