Rechtfertigungszwang und Selbsteinordnung zeichnen Islamdebat​te aus

Die öffentliche Wahrnehmung von Migranten in Deutschland verändert sich von Zeit zu Zeit. Heute werden grundsätzlich nur „Muslime“ als Migranten und als die „Anderen“ wahrgenommen. Doch muslimische Akademiker sind unzufrieden mit diesem Umstand und melden sich zu Wort.

Das öffentliche Bild der Migranten in Deutschland hat sich stark gewandelt. Waren Spanier, Italiener und Türken in den 60er Jahren noch „Gastarbeiter“, versteht man heute unter Migranten in erster Linie „Muslime“. Warum die Integrationsdebatte heute so stark auf den religiösen Aspekt zugeschnitten ist, diskutierten vier Experten im Nachbarschaftshaus Urbanstraße in Berlin.

Auf dem Podium am Dienstagabend saßen der Soziologe Serhat Karakayali, die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus, die Juristin Elif Eralp und die Erzieherin Almira Kljuco. Die Geschichte der öffentlichen Wahrnehmung der Migranten in Deutschland habe mit dem Label „Südländer“ begonnen. Infolge der EU-Erweiterung seien verstärkt türkisch- und arabischstämmige Migranten als die „Anderen“ betrachtet worden. Die Griechen, Spanier und Italiener hingegen würden nun als Teil der christlich-jüdischen Identität Europas verstanden, so Karakayali.

Muslimdebatte hat in den Neunzigern begonnen

Ausgangspunkt für die Reduzierung der Migranten auf ihr Muslimsein sei nicht der 11. September gewesen, sondern habe schon in den 90er Jahren mit der Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft begonnen. „Der erste deutsch-türkische Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir machte die CDU nervös. Sie sahen die kulturelle Identität des Bundestages in Frage gestellt. Danach entwickelte sich die Debatte um die Öffnung der deutschen Staatsbürgerschaft zu einem Thema, das die Bevölkerung spaltete“, so die Islamwissenschaftlerin Spielhaus.

Ihr Buch mit dem Titel „Wer ist hier Muslim?“ wolle keine Antwort auf diese Frage geben. Vielmehr sei diese Frage eine Antwort auf den permanenten Druck, der viele dazu drängt, sich für Ihr persönliches Muslimsein zu verantworten zu müssen. Davon berichtete auch die Erzieherin Almira Kljuco, die aus Bosnien stammt und auf den ersten Blick nicht wie eine Muslima aussieht. „Nach dem 11. September wurde ich viel häufiger auf meine Religion angesprochen. Die Leute sind schockiert, wenn ich sage, dass ich Muslima bin. Dann muss ich mich erstmal dafür rechtfertigen, dass ich kein Kopftuch trage und arbeiten gehe. Deshalb habe ich begonnen mich über meine Religion zu informieren“, so die Erzieherin.

Rechtfertigungszwang und Selbsteinordnung

Die Juristin Elif Eralp nervt es, dass sie immer wieder mit Stereotypen und Klischees konfrontiert werde. Sie müsse sich mit Fragen, wie zum Beispiel „trägt deine Mutter ein Kopftuch?“ auseinandersetzen. „Westlich“ werde immer mit „modern“ gleichgesetzt. Dabei werde so getan, als ob muslimisch nicht modern sein kann. Eralp betonte die Vielfältigkeit des Islam. Nicht in etwa, weil sie den Koran studiert habe, sondern aus ihrer eigenen Familienerfahrung. Ihre Tante sei eine gläubige Frau, die fünf Mal am Tag betet. Doch gleichzeitig sei sie tolerant und sehr liberal. Sie selbst habe überwiegend andere Interessen als den Islam. Aber auch mit dem Islam möchte sie sich aus persönlichem Interesse näher beschäftigen.

Riem Spielhaus sieht die Forderung von Medien und Politik, sich als Muslim zu erklären und von Terroranschlägen zu distanzieren als zweischneidig. Einerseits seien Muslime dadurch in der Rolle derjenigen, die sich rechtfertigen, ja ihre Identität verteidigen müssten. Andererseits erhielten sie durch die klare Selbsteinordnung als Muslim die Chance, Einfluss auf das Bild der Mehrheit von den Muslimen zu nehmen.

Kritik wurde an der Islamkonferenz geübt, denn sie sei ein Instrument, welches Integrationspolitik in wenig hilfreicher Weise mit dem Islam vermische. Dadurch werde dazu beigetragen, dass der Islam als problematischer Teil der Identität von Migranten gesehen werde. Die regelmäßig auf die salafistische Gefahr abstellenden Leitmedien „Bild“ und „Spiegel“ zeichneten ein Bild von der „Wahrheit“ des Islam, welches nahelege, alle Muslime für Salafisten zu halten, so Karakayali.

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