Nach Tod einer Patientin: Wütender Mob geht auf türkischen Arzt los

Erst im vergangenen April gingen türkische Ärzte auf die Straße, um an das Schicksal des 26-jährigen Herz-Thorax-Chirurgen Ersin Arslan zu erinnern. Dieser war 2012 von einem Angehörigen ermordet worden. Jetzt gab es in der Türkei einen neuerlichen Vorfall. Und erneut waren Angehörige der Patienten im Spiel.

Am vergangenen Dienstag wurde ein Geburtshelfer in der südöstlichen Provinz Hakkari angegriffen. Bei der Attacke durch einen wütenden Mob Angehöriger zog er sich schwere Verletzungen zu. Zuvor war eine 22-jährige Patientin kurz nach der Niederkunft verstorben.

Der Vorfall ereignete sich gegen 21 Uhr am Abend im staatlichen Krankenhaus von Yüksekova. Dort hatte Güllü Bülbül zuvor ein Baby zur Welt gebracht, verstarb jedoch wenig später an einer Fruchtwasserembolie. Nachdem sie von ihrem Tod erfahren hatten, machte sich eine Menge von gut 40 Angehörigen in Richtung Krankenhaus auf. Ihr Ziel: Dr. Soner Pul, der die Geburt des Kindes geleitet hatte.

Nachdem ihr erster Versuch fehlschlug, leitete die Staatsanwaltschaft von Hakkari eine Untersuchung des Falls ein. Der Körper der jungen Frau landete in der zuständigen Gerichtsmedizin. Zeugenaussagen wurden aufgenommen. Doch just danach kam es zu einem erneuten Angriff. Und diesmal mit „Erfolg“. Der Pulk verletzte den Mediziner derart schwer, dass er auf der Intensivstation seines eigenen Krankenhauses landete.

Wie aus dem Hospital bekannt wurde, so die Zaman, befindet sich der Arzt nach wie vor in kritischer Verfassung. Der Kollege und sein Team hätten zuvor ihr Bestes gegeben, um die junge Frau zu retten. Sowohl die Ärzte des Krankenhauses als auch das Pflegepersonal legte an diesem Mittwoch die Arbeit nieder, um gegen die Attacke zu protestieren.

Mittlerweile hat sich auch die Polizei eingeschaltet. Parallel wurde eine administrative Untersuchung eingeleitet. Die Beamten haben damit begonnen, Maßnahmen zur Gefahrenabwehr am Krankenhaus zu installieren, um die Mitarbeiter vor möglichen weiteren Angriffen der Familie zu schützen.

Laut einem Bericht der parlamentarischen Kommission aus dem April 2013 gab es allein in den vergangenen sechs Monaten 4342 Übergriffe auf medizinisches Personal. Zu den häufigsten Opfern gehört das Personal in der Notaufnahme. Dem Bericht der Kommission zufolge, gibt es diverse Gründe für diese Gewalttaten gegen Mitarbeiter im Gesundheitswesen: Verhaltensstörungen, niedriges Bildungsniveau und Widerstand gegen Regeln ; Krankenhäuser arbeiten zudem oft jenseits ihrer Kapazität; daneben sind es die gestressten Patienten oder Verwandten und die überfüllten und lauten Orte sowie über-anspruchsvolle Patienten und Angehörige; langen Wartezeiten; unterbesetzt Gesundheitsdienste; Missverständnisse; Kommunikationsprobleme und persönliche Fragen.

In der Türkei sind im vergangenen April Tausende Ärzte in einen eintägigen Streik getreten, um ihrem 26-jährigen Kollegen zu gedenken, der im April 2012 von einem Angehörigen eines Patienten ermordet wurde. Schon kurz nach der Tat hatten sie ihrem Unmut über das Geschehene lautstark Luft gemacht. Der 26-jährige Herz-Thorax-Chirurgen Ersin Arslan wurde am 17. April 2012 in der südtürkischen Provinz Gaziantep vom Enkelsohn eines Patienten erstochen, den er zuvor operiert hatte (mehr hier). Kurz darauf traf es den Neurochirurg Mehmet Cengiz Çepoğlu. Er hatte eigentlich gute Nachrichten, wurde aber dennoch derart schwer attackiert, dass er gut einen Monat lang nicht operieren konnte (mehr hier).

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