US-Think Tank: Ägypten wird nicht zerfallen wie Syrien

Die Zukunft Ägyptens ist ungewiss und die blutigen Auseinandersetzungen halten an. Doch US-Wissenschaftler Elliott Abrams glaubt nicht, dass es zu einem Bürgerkrieg wie in Syrien kommen werden. Denn ein Großteil der Muslimbrüder sei unbewaffnet.

Brennende Gebäude, mehr als 600 Tote, über 3500 Verletzte und Top-Politiker, die mitten im Chaos zurücktreten: Seit vergangenen Mittwoch brennen sich erneut brutale Szenen auf ägyptischen Straßen ins internationale Gedächntnis. Es gilt der Ausnahmezustand. Reisende werden gebeten, einen großen Bogen um das Land zu machen. Die Situation ist unübersichtlich. Die Angst geht um, dass sich der blutige Konflikt über Jahre hinziehen könnte.

Ein echter Bürgerkrieg mit zwei oder mehreren bewaffneten Parteien, wie ihn die Welt gerade im türkischen Nachbarstaat Syrien oder auch Libyen erlebt? Nein, so die Einschätzung von US-Analyst Elliott Abrams vom Council on Foreign Relations. Aber: „Ich glaube nicht, dass wir in den nächsten Jahren Ruhe erwarten können“, zitiert ihn NBC News. „Wir haben es mit einem tief gespaltenen Land zu tun.“

Parteien werden Jahre der Annäherung brauchen

Ähnlich wie ihm ergeht es nicht wenigen Beobachtern, wenn sie derzeit einen Blick auf die Lage in Ägypten werfen (mehr hier). „Ich glaube nicht, dass Ägypten in einen Bürgerkrieg hinein rutscht. Innere Unruhen wird es aber sicherlich geben“, so auch Khaled Elgindy von der Brookings Institution. Er jedenfalls sehe unter den entscheidenden Akteuren, einschließlich und vor allem innerhalb der Militärs, gerade niemanden, der eine Neubewertung der Richtung vornehme, in die man sich gerade bewege. Dem stimmt auch Adel Iskandar, Professor an der Georgetown University und Autor von „Ägypten im Wandel: Essays über eine unvollendete Revolution“ zu. Für die Zukunft Ägyptens sieht er nichts Gutes. Doch am Ende des Tages, so seine Überzeugung, würden die beiden Seiten zusammen kommen und versuchen, eine Lösung zu erreichen. Bevor das geschehe, werde es wahrscheinlich zu weiteren Verlusten von Menschenleben kommen. Dass das Ganze jedoch in einen Bürgerkrieg kippt, glaubt auch er nicht.

Ein wesentlicher Aspekt für Abrams ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass weite Teile der ägyptischen Demonstranten nicht bewaffnet sind. Solange es nicht wirklich Menschen gebe, die bereit seien, mit Waffengewalt gegen die Armee zu kämpfen, werde es auch keine Situation wie derzeit in Syrien geben. Nicht minder relevant ist jedoch der Umstand, den Phyllis Bennis, Mitglied des Instituts für Politische Studien und des Transnationalen Instituts in Amsterdam, anbringt. Demnach würde das ägyptische Militär 35 bis 40 Prozent der Wirtschaft kontrollieren. Für entsprechend unwahrscheinlich hält sich auch eine Splitterung, wie sie sich zunächst in Libyen und später in Syrien vollzogen hat. Die Rolle des Militärs in der ägyptischen Gesellschaft sei anders als dort stark getrennt von der Bevölkerung und überdies sehr privilegiert.

Ägyptens Akteure reflektieren Probleme nicht

Dennoch, so Elgindy, sei Ägyptens Reaktion seit dem Sturz von Präsident Mubarak vor zweieinhalb Jahren beispiellos gewesen. Nahezu konstant hätten sich die politischen Akteure stets für den falschen Weg entschieden. Eine Krise hätte die andere gejagt. Doch statt umzudenken und die Probleme zu beheben, habe man sich quasi immer tiefer hineingeritten. Um in Ägypten Stabilität herbeizuführen sei es seiner Ansicht nach nötig, einen „Prozess der nationalen Versöhnung“ anzustoßen. Erforderlich seien hierzu von allen respektierte Gesprächspartner aller Parteien, die sich gemeinsam an einen Tisch setzten und die an Ergebnissen statt an dem bisherigen Nullsummenspiel interessiert wären.

Als Mediatoren könnte sich Elgindy hier durchaus Vertreter aus den USA (mehr hier) und Europa vorstellen. Doch das Ganze müsse bald geschehen. Sonst würden die Positionen noch weiter auseinanderdriften und am Ende noch mehr Tote fordern.

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