Radfahren unter Lebensgefahr: Türkische Radler protestieren für mehr Sicherheit

In einigen türkischen Städten sind am vergangenen Sonntag die Radfahrer auf die Straßen gegangen. Ihr Protest richtete sich gegen die oftmals gefährliche Verkehrssituation in der Türkei, die nicht wenigen von ihnen das Leben kostet oder schwer verletzt. Insgesamt, so ihre Kritik, gebe es einfach zu wenige Regeln für ihre Teilnahme am Straßenverkehr. Auch Fahrradwege seien Mangelware.

Am vergangenen Sonntag haben Radfahrer in Istanbul, Ankara, İzmir und Bursa Straßen blockiert, um so gegen den Tod zahlreicher Radler im türkischen Straßenverkehr zu protestieren. Eines der jüngsten Opfer in der Bosporus-Metropole ist Zihni Şahin. Er starb kürzlich bei einem Verkehrsunfall auf der Küstenstraße im Distrikt Maltepe. Die Forderung der Demonstranten lautete entsprechend: Mehr Respekt für Radfahrer von den Autofahrern.

Nachdem sie ihr Anliegen verlesen hatten, so die türkische Zeitung Hürriyet über die Versammlung von rund 500 Radfahrern in Istanbul, begannen sie ihre Fahrt entlang der Küstenstraße. Für den Autoverkehr ließen die Radler allerdings nur eine Spur frei. In Erinnerung an Şahin wurde in der Nähe des Unfallorts ein Fahrrad zurückgelassen. Dann ging es weiter zur Bağdat Avenue in Kadıköy.

Streit zwischen Rad- und Autofahrern in Istanbul

In der Bağdat Avenue entbrannte allerdings ein Streit zwischen den Radfahrern und zwei Autofahrern, nachdem Erstere behauptet hatten, die Fahrer wären den Radlern zu nahe gekommen. Istanbul gilt nicht ohne Grund als verstopfteste Stadt Europas (mehr hier). Darauf hin habe einer der Autofahrer die Verfolgung eines Radfahrers aufgenommen. Dann ging es zu Fuß weiter bis in die Seitenstraßen. Dort kam es schließlich zu einem Handgemenge. Zurück an seinem Fahrzeug rief der Autofahrer die Polizei.

Zu wenige Radwege in der Türkei

In İzmir hatte sich eine Gruppe auf dem Gündoğdu Platz versammelt, um sich von dort in Richtung Kıbrıs Şehitleri Straße zu bewegen. Die Demonstrierenden führten Plakate mit. Darauf war zu lesen: „Wir wollen nicht im Straßenverkehr sterben.“ oder „Die Straße gehört uns allen. Lasst sie uns teilen.“ In den vergangenen Monaten, so die Demonstranten zur Nachrichtenagentur Anadolu, hätten die Verkehrsunfälle mit Radfahren stark zugenommen. Nach wie vor, so ihre Kritik, gäbe es zu wenige Radwege. Um ihrem Protest Gewicht zu verleihen, blockierten die Radler auch hier für eine Weile den Talatpaşa Boluvard.

In Ankara fanden sich die Radler im Güvenpark zusammen, um dort der Toten zu gedenken. Anschließend ging es für sie gen Sıhhiye und Kuğulupark. Namentlich wurden einige Opfer aufgezählt. Dringend, so ihre Forderung, müssten die Regeln für Radfahrer erweitert und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit geschärft werden. Damit einher gehen müsste am Ende auch eine schärfere Bestrafung für Autofahrer, die im Zuge eines Unfalls, Radfahrer verletzten oder gar töteten. Auch in der türkischen Hauptstadt wurden Rufe nach weiteren Fahrradwegen laut. In Bursa gingen die rund 150 Demonstrante sogar noch einen Schritt weiter. Vor dem Atatürk-Denkmal beanspruchten sie für sich die gleichen Rechte wie die Autofahrer.

Zu laxes Kontrollsystem, zu unbeholfene Mentalität

Eines der schwerwiegendsten Probleme für Radfahrer und Autofahrer gleichermaßen dürfte jedoch das derzeitige türkische System sein. Wer in der Türkei einen Führerschein erwerben möchte, muss an privat durchgeführten Schulungen teilnehmen, die aus theoretischen Kursen bestehen und in der Regel nur etwa einen Monat dauern. Danach folgt ein etwa einwöchiger Praxisunterricht. Fachleute erachten diese Vorgehensweise aber als völlig unzureichend. Darüber hinaus finden nicht wenige einen Weg, um selbst diese Minimalanforderungen auch noch zu umgehen. Behördliche Kontrollen der hiesigen Fahrschulen sind ohnehin Mangelware (mehr hier).

Wie bereits im Sommer 2012 bekannt wurde, fordern Verkehrsunfälle in der Türkei Jahr für Jahr gut 10.000 Todesopfer. Geschuldet ist das oftmals nicht nur schlechten Straßenbedingungen oder dem Zustand der Fahrzeuge, es ist auch die Mentalität der Verkehrsteilnehmer selbst, die maßgeblich zu diesem erschreckenden Ergebnis beiträgt. Zu sehr ist in den Köpfen verankert: Bestehende Regeln? Die werden von den Ordnungshütern ohenhin nicht durchgesetzt (mehr hier).

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