Zurück in die Heimat? Jesiden aus Deutschland begutachten Lage in der Türkei

Seit den 1980er Jahren leben türkische Jesiden in der Bundesrepublik. Jetzt scheint es für einige von ihnen an der Zeit, in die alte Heimat zu ziehen. Eine Vorhut reiste nun in den Osten der Türkei, um sich vor Ort ein aktuelles Bild zu machen.

Vor gut 30 Jahren flohen türkische Jesiden aus ihren Dörfern in der türkischen Provinz Şırnak in Richtung Deutschland. Nun, gut drei Dekaden später, wird von einigen die Lage offenbar neu überdacht. Liegt die Zukunft der Religionsgemeinschaft vielleicht doch wieder in der alten Heimat? Eine zehnköpfige Abordnung ist jetzt in die Türkei gereist, um genau das herauszufinden.

Ein Bild von der aktuellen Situation machten sich die Auswanderer im Dörfchen Mağara, im Distrikt İdil. Stehen ihre alten Häuser noch? Wie hoch sind die seither entstandenen Schäden? Fragen über Fragen, die die aus Deutschland kommende Truppe zu klären hatte. Entsprechend konkret kümmerte sich die Abordnung aus Deutschland um einen Neubeginn in der Türkei. Wie die türkische Zeitung Hürriyet berichtet, hätten sich die Männer Termine in den Gouverneurbüros von Şırnak und İdil geben lassen. Das Ziel: Die alten Häuser und Kultstätten in Mağara sollen wieder mit Wasser und Strom versorgt werden.

Türkischer Friedensprozess stimmt zuversichtlich

Wie der 58-jährige Nurettin Genç dem Blatt berichtet, hätte es 1985 ganze 92 Jesiden-Haushalte in Mağara gegeben. Er selbst sei 1985 nach Bremen gegangen. Heute seien die Glaubensbrüder weit verstreut. Der Wunsch, nun wieder in die Türkei zurück zu gehen, rühre vor allem von den jüngsten Entwicklungen im Land her. Der aktuelle Friedensprozess in der Türkei (mehr hier), so Genç, stimme zuversichtlich. Jetzt, nach 28 Jahren erstmals wieder im Heimatdorf zu sein, sei ein bewegender Moment.

Unter Jesiden wird in erster Linie Kurdisch gesprochen. Die meisten leben in der Region Mosul im Nordirak. Es gibt auch traditionelle Gemeinschaften in Georgien, in der Türkei und in Syrien. Doch spätestens seit den 1990er Jahren schwand deren Zahl zusehends. Immer mehr von ihnen flüchteten in Richtung Europa, vor allem nach Deutschland.

Aufruf: Jesiden sollen zurück in die Türkei

Nach der Bestandsaufnahme im Dorf hofft die Abordnung nun auf die Unterstützung der türkischen Behörden. Noch liegt alles im Argen. Bis die alten Häuser wieder bewohnbar sind, das wissen auch die Jesiden, wird es einige Zeit dauern. Zudem bauen die Rückwanderer auch auf die Solidarität in den Nachbarortschaften. Man habe das Gefühl, so wird aus der Gruppe laut, dass in der Türkei eine neue Ära angebrochen sei. Nun fordere man alle Jesiden dazu auf, in ihre Dörfer zurück zu kehren.

Das Jesidentum ist eine eigenständige monotheistische Religion. Der Vorwurf, der den Anhängern in der Vergangenheit immer wieder begegnete: Sie seien Teufelsanbeter. Der Grund hierfür: Schlichtes Unverständnis der religiösen Regeln. In den vergangenen 30 Jahren haben Jesiden die Türkei in großen Auswanderungswellen verlassen. Nach Ansicht des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts liegt jedoch seit 2003 keine staatliche Gruppenverfolgung der Jesiden mehr vor. Bei einer Rückkehr in die Türkei, so heißt es in einem Beschluss aus dem Jahr 2007, seien sie hinreichend sicher vor Verfolgung.

Bis zu 40.000 Jesiden in Deutschland

Derzeit sollen in der Türkei nur rund 500 Jesiden leben. 1984 sollen es gut 22.000 gewesen sein. Ihre Religion ist nicht offiziell anerkannt. Mitglied der Gemeinschaft kann man nur durch Geburt werden. Im Rahmen der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte, informiert der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst, waren in den 60er Jahren jüngere Jesiden legal in die Bundesrepublik gekommen. Nach dem Anwerbestopp im Jahr 1973 und dem türkischen Militärputsch 1980 versuchten viele von ihnen hierzulande Asyl zu beantragen. Nach langen gerichtlichen Verhandlungen, so heißt es weiter, seien türkische Jesiden inzwischen als asylberechtigt anerkannt, aber (noch) nicht als religiöse Gemeinschaft mit Rechtsform. Insgesamt würden etwa 35.000 bis 40.000 Jesiden in Deutschland leben. Größere Gruppen gebe es etwa in Celle, Oldenburg und Bielefeld.

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