Türkische Frauen unter Druck: Drei Kinder reichen nicht, fünf müssen es sein

In der Türkei sinkt die Geburtenrate und liegt im Durchschnitt bei knapp zwei Kindern pro Frau. Die Präsidentin der türkischen Sozialversicherungsanstalt, Yadigar Gökalp İlhan, übertrifft den Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan nun mit ihrer Wunschvorstellung einer türkischen Familie: Nur fünf Kinder könnten die türkischen Sozialkassen in Zukunft retten.

Das zukünftige wirtschaftliche Wachstum der Türkei benötigt viele Arbeitskräfte. Um diese nicht durch Einwanderung ins Land holen zu müssen, gibt es nach Ministerpräsident Erdoğan nun auch die Präsidentin der Sozialversicherungsanstalt, Yadigar Gökalp İlhan, die Marschroute für die Familienplanung vor. Damit das Sozialsystem nicht in finanzielle Schwierigkeiten komme, reichten nicht die vom Premier geforderten drei, sondern erst fünf Kinder aus.

„Die Geburtenrate ist sehr wichtig. Ich weiß nicht, warum das immer falsch verstanden wird  (…). Weil die Geburtenrate weiter so sinkt, wird das Rentensystem in Probleme geraten“, sagt Ilhan zur türkischen Zeitung Radikal. Auf die Frage hin, wie viele Kinder pro Familie das Sozialsystem vor Problemen bewahren können, antwortet die Präsidentin, dass fünf Kinder erforderlich seien. Natürlich müsse man die ökonomischen Umstände der Familien in Betracht ziehen, doch es sei ein Unding, dass es Menschen gebe, die trotz guter finanzieller Lage, keine Kinder in die Welt setzen würden.

Im Durchschnitt bekommt eine türkische Frau etwas unter zwei Kinder in ihrem Leben. Die Geburtenrate sinkt seit 1960 stetig. Damals lag der Durchschnitt bei sechs Kindern. Um aber die ausgegebene Zielmarke von 100 Millionen Türken im Jahr 2050 zu erreichen, reichen zwei Kinder pro Familie nicht aus. Das suggerierte Szenario der türkischen Regierung bei Fortsetzung der negativen Tendenz: weniger Wirtschaftswachstum, überlastete Sozialsysteme und ein schleichender internationaler Bedeutungsverlust der Türkei.

Familienpolitik ist normal, Zielvorgaben nicht

Nahezu jedes Land betreibt eine aktive Geburtenpolitik. Denn das Bevölkerungswachstum ist ein entscheidender Faktor für das Wachstum der Wirtschaft und des Binnenmarktes. In Deutschland wird die alternde Bevölkerung eine immense Belastung für die Rentenkassen darstellen. Deswegen werden in schrumpfenden Gesellschaften kinderlose Paare indirekt zur Gründung einer Familie angereizt, indem Kindergeld ausgezahlt oder die Betreuungsmöglichkeiten ausgebaut werden.

In der Türkei gibt es seit kurzem mindestens acht Euro Kindergeld für das erste Kind, das dritte Kind soll mit einer Prämie von 5000 Lira, etwa 1900 Euro, belohnt werden. Der Staat überwacht penibel genau den Ablauf jeder Geburt und hält jede Schwangere dazu an, zu einem sogenannten Familienarzt zu gehen, der ihr zugewiesen wird. In einer nationalen Datenbank, „Gebliz“ genannt, sind alle gebährfähigen Frauen registriert. Die Familienärzte überwachen und protokollieren den Verlauf der Schwangerschaft, klären über Impfungen auf. Der medizinische Aufwand und der Druck auf die Schwangeren machen eines klar: für den Staat ist jedes Kind eine zu hegende Investition in die Zukunft.

Dass aber hochrangige Funktionäre der Verwaltung oder der Ministerpräsident selbst mit Zielvorgaben in die private Familienplanung eingreifen, ist eine international wenig angewandte Strategie.

In freiheitlich organisierten Demokratien wie der Türkei kann der Staat schon von Rechts wegen keine verbindlichen Vorgaben bezüglich der Familienplanung aussprechen. Deswegen ruderte Erdoğan auch vor kurzem zurück und sagte, dass er sich missverstanden fühle (mehr hier). Er gebe nur einen Rat. Das ändert aber nichts an der ständig wiederholten Forderung an die Bevölkerung, zu heiraten und Kinder zu kriegen. Paare, die keine Kinder wollen, sei es aus finanziellen oder persönlichen Gründen, geraten durch Aussagen wie die der Präsidentin der Sozialversicherung unter Rechtfertigungsdruck.

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