Türkei: Sieben von zehn Scheidungen wegen Kreditkartenschulden

Kreditkartenschulden treiben einen Keil zwischen viele türkische Eheleute. Diese Entwicklung wird durch den Boom der Kreditkarte in der Türkei, der seit ungefähr einem Jahrzehnt anhält, befeuert. Verbraucherschützer werfen der Bankenaufsicht Untätigkeit vor.

Das Plastikgeld und seine gravierenden Konsequenzen erschüttern die Stabilität türkischer Familienstrukturen. Eine Studie des Sozial- und Familienministeriums, die der Föderation der türkischen Verbraucherzentrale vorliegt, hat ergeben, dass Streitigkeiten über Kreditkartenschulden und Konsumkredite Ursache für 70 Prozent der Scheidungen sind.

Die Kreditkarte ersetzte in den vergangenen Jahren für viele Türken das Bargeld und verleitet dazu, über die eigenen Verhältnisse zu leben. Nahezu 60 Prozent aller Türken haben Schulden bei ihrer Bank. 1,5 Millionen Türken werden strafrechtlich verfolgt, weil sie ihre Kreditkartenschulden nicht mehr begleichen können. Von Seiten der CHP wird das Gesamtvolumen der Verbindlichkeiten, die mit Kreditkarten zusammenhängen, auf 30 Milliarden Dollar geschätzt. Das sind ca. vier Prozent des türkischen Bruttoinlandsprodukts.

„Im Oktober 2012 waren 2,5 Millionen Menschen und deren Familien den verheerenden Folgen strafrechtlicher Verfolgung wegen Kredikartenschulden und Konsumkrediten ausgesetzt“, sagen die türkischen Verbraucherzentralen in einer Presseerklärung. Die Föderation wirft der türkischen Bankenaufsicht und der Zentralbank Versagen vor.

Sie hätten es versäumt, trotz gesetzlich festgelegtem Kreditkartenlimit, die gegen das Gesetz verstoßenden Banken zu bestrafen. Das Gesetz von 2006 sieht vor, dass für die ersten zwei Jahre einem Kunden höchstens das doppelte seines Gehalts als Kreditvolumen eingeräumt werden darf. Dass die Banken offensichtlich gegen diese Vorgaben verstoßen, beweisen die hohen Zahlen an strafrechtlich verfolgten Kreditkarteninhabern.

„Seit 2006 verstoßen die Banken gegen geltendes Recht und die Bankenaufsicht spielt die Rolle der drei Affen“- nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, so die Verbraucherschützer. Die Bankenaufsicht hat vor kurzem in einer Presseerklärung verkündet, dass auf Grundlage einer Gesetzesnovelle die Zinsen für Kreditkarteninhaber bis 20.000 Lira Kreditvolumen um fünf Prozent auf 25 bzw. 30 Prozent erhöht werden. Ob höhere Zinsen den Kaufrausch der Türken stoppen können, bleibt aber fraglich.

Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten zehn Jahre beruht ohnehin weniger auf dem Export, als auf der wachsenden Binnennachfrage – auch angetrieben von Konsum auf Pump (mehr hier). Zwischen 2003 und 2012 wuchs die türkische Wirtschaft um durchschnittlich 5,3 Prozent, wovon 3,5 der Binnennachfrage zuzurechnen sind. Daran verdienen vornehmlich die Banken mit, die mit Kreditkarten den Konsum anheizen; aber auch nur solange, wie die Kredite und typischerweise bei Kreditkarten sehr hohen Zinsen zurückgezahlt werden.

Die meisten Türken besitzen mehrere Kreditkarten bei verschiedenen Banken und benutzen die Karte nicht für Zahlungen, die schnell wieder gedeckt werden, sondern für tatsächliche Kredite. Mittlerweile zeigt sich auch die AKP-Regierung besorgt um die Lage insbesondere armer Kreditkartenbesitzer. „Diese Kreditkarten: benutzt sie nicht! Wenn jeder so viel ausgeben würde, wie die Banken es wollen, könnte keiner mehr für die Rückzahlungen arbeiten“, zitiert die Hürriyet Ministerpräsident Erdogan (mehr hier). Trotzdem, so die Verbraucherschützer, fehle es immer noch an wirksamen Kontrollmechanismen seitens der Bankenaufsicht- gerade bei Geringverdienern.

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