Armutsrisiko bei Migranten: Schulbildung und Beruf schützen nicht

Ein Abitur schützt nicht vollkommen davor, aufgrund des Migrationshintergrundes ein geringeres Einkommen zu haben. Eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag ergibt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund trotz Abitur doppelt so häufig von Armut gefährdet sind.

Das Armutsrisiko für Kinder aus Migrantenfamilien ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ungleich höher. Eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag hat ergeben, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund trotz Abitur oder Berufstätigkeit doppelt so häufig von Armut gefährdet sind, als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Insgesamt liegt die Armutsgefährdung für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund bei über 50 Prozent im Vergleich zu 32,5 Prozent bei Kindern ohne Migrationshintergrund.

„Der Faktor ‚Migrationshintergrund‘ hat also einen signifikanten Einfluss auf die
Armutsgefährdung, kann jedoch nicht vollständig erklärt werden. Eine Pauschalisierung dieser Ergebnisse greift zu kurz, denn diese Bevölkerungsgruppe ist in
sich sehr heterogen“, so die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Linken. Erstaunlich ist, dass entgegen der Beteuerungen namhafter Politiker, wonach Bildung der Schlüssel zum Aufstieg sei, Bildungsabschlüsse von Migranten offensichtlich weniger Wert sind, als Abschlüsse von Nicht-Migranten. Nachweislich bekommen Deutsche mit türkischem Namen zum Beispiel schwerer einen Job (mehr hier).

Die Daten, auf die sich diese Aussagen stützen, entstammen dem Mikrozensus 2010. Als von Armut gefährdet gilt jemand, dessen Einkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens in Deutschland ausmacht. 2010 lag diese Schwelle bei 993 Euro.

Auf gleichem Niveau hingegen sind die Armutsrisiken für Jugendliche, die keinen Schulabschluss haben oder arbeitslos sind, sowohl bei Migranten als auch bei Nicht-Migranten. Außerdem nimmt das Armutsrisiko bei Migranten mit steigender Kinderzahl schneller zu, als bei Nicht-Migranten. Während 26,5 Prozent der Migrantenfamilien mit zwei Kindern von Armut bedroht sind, sind dies nur zehn Prozent der vierköpfigen Familien ohne Migrationsgeschichte. Bei Migrantenfamilien mit vier Kindern sind es sogar 55,3 Prozent, die von Armut bedroht sind. 2010 waren eine Million Kinder von Armut bedroht.

Abitur eines Jugendlichen mit Migrationshintergrund zählt weniger auf dem Arbeitsmarkt

Die Zahlen machen eines deutlich: Jugendliche mit Migrationshintergrund können Bildungsabschlüsse nicht in dem Maße in ein hohes Einkommen umwandeln, wie Menschen ohne Migrationshintergrund. Die Gründe dafür sind vielfältig: Diskriminierung bei Bewerbungen, mangelndes Selbstvertrauen, um sich für gut bezahlte Stellen zu bewerben, fehlende Anerkennung ausländischer Schulabschlüsse oder Sprachbarrieren.

Eine Studie des arbeitgebernahen Instituts für Deutsche Wirtschaft aus Köln legt nahe, diese Zahlen differenziert zu betrachten. Insgesamt können Menschen mit Migrationshintergrund um 2,2 Prozent weniger ihre Bildungsabschlüsse in ein höheres Einkommen umwandeln, als Menschen ohne Migrationshintergrund. Das trifft aber weniger die Migranten, die in Deutschland geboren sind, als diejenigen die aus dem Ausland kommen. Denn diese Menschen haben meist Probleme damit, dass ihr Abschluss in Deutschland nicht oder nur teilweise anerkannt wird. Derweil geht die Suche nach ausländischen Fachrkäften weiter (mehr hier).

Das höhere Armutrisiko ist auch eine Folge der durchschnittlich niedrigen Bildungsabschlüsse der Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund. Denn die Zahlen belegen, dass hohe Bildungsabschlüsse unter Migranten genauso häufig sind, wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Niedrige Bildungsabschlüsse oder der Abbruch der Schule kommen aber viel häufiger bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund vor.

Damit sind zwei Tendenzen zu beobachten. Zum einen die geringere Anerkennung von hohen Bildungsabschlüssen auf dem Arbeitsmarkt und die „Weitergabe“ des Armutsrisikos von Eltern an ihre Kinder. Denn wenn zu Hause wenig Deutsch gesprochen wird, Bildungsabschlüsse wenig Bedeutung besitzen und bei den Hausaufgaben nicht geholfen werden kann, so „vererbt“ sich die soziale Ungleichheit fort und die Kinder erreichen keine höhere soziale Position als ihre Eltern.

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