Syrischer Flächenbrand: Die Türkei bereitet sich auf Terroranschläge vor

Die bevorstehende Intervention des Westens in Syrien mit der Türkei erhöht die Gefahr, dass syrische, iranische oder Rebellengruppen Vergeltungsanschläge in der Türkei verüben. 400 Spezialisten für chemische und biologische Waffen wurden in dieser Woche an die türkische Grenze geschickt.

Dass es wieder zu solch schrecklichen Bildern wie hier in der türkischen Stadt Reyhanli kommt, gilt als wahrscheinlich. (Foto: Screenshot via Youtube)

DieFronten im Nahen Osten verhärten sich und die Türkei ist entschlossen, die geplante Kurzintervention des Westens zu unterstützen. Doch Syrien ist nicht alleine, der Iran und sein verlängerter Arm im Libanon, die Hisbollah, unterstützen die alawitische Führung. Die Türkei liegt mitten im Krisengebiet und muss mit terroristischen Vergeltungsschlägen der darin geübten Hisbollah oder syrischer Gruppierungen rechnen. Daher wurden bereits 400 Experten für chemische und biologische Waffen an die türkische Grenze bestellt.

Die syrische Armee ist zu schwach und auf der anderen Seite zu stark in den inneren Krieg eingebunden, als dass ein direkter Vergeltungsangriff gegen die Türkei realistisch wäre. Wenn Assad irgendeine militärische Operation auf türkischem Boden befehlen würde, hätten die Türkei und ihre NATO-Partner keine Alternative als mit Bodentruppen die Ära Assads endgültig zu beenden. Die iranische Führung wird sich ebenfalls hüten einen direkten Angriff auf ein NATO-Land zu befehlen, zumal der neue Präsident Rohani einen weniger aggressiven Ton anschlägt. Eine viel effektivere und für die Türkei sehr schwer zu beherrschende Waffe Syriens und des Iran, aber auch anderer Gruppen sind Terroranschläge.

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass Syrien Proxies (Stellvertreter-Organisationen) benutzen wird, wenn die Türkei sich an einer Intervention beteiligt. Die Angriffe werden dem Anschlag im türkischen Reyahnli ähneln, denn die Städte an der Grenze sind einfach zu erreichen und die Terroristen können unauffällig agieren“ , sagt Ercan Çitlioğlu, Vorsitzender des Strategischen Forschungszentrums der Bahçeşehir Universität, auf Nachfrage der Zaman.

Dafür kommen mehrere Gruppen in Frage. Die syrisch-kurdische Oppositionsgruppe PYD, die der PKK nahe stehe, soll junge Männer aus nordsyrischen Familien zu Kämpfern ausbilden. Diese Entwicklung steht im krassen Gegensatz zum Friedensprozess, den Präsident Erdogan derzeit mit dem Anführer der PKK, Abdullah Öcalan, aushandelt. Zwar gibt es ein Übereinkommen darüber, dass alle bewaffneten Kämpfer der PKK die Türkei verlassen sollen, aber der Rückzug schützt nicht davor, dass unmittelbar hinter der Grenze terroristische Anschläge vorbereitet werden.

Ebenso sind Attacken mit chemischen oder biologischen Waffen, die bestimmten Gruppen aus den Lagern Assads in die Hände gelangen, denkbar. Deswegen wurden entlang der Grenze in Hatay, Kilis und Şanlıurfa 400 Experten zum Aufspüren von ABC-Waffen stationiert. Diese Maßnahme drängte sich umso mehr auf, weil zu Beginn der Woche ein Auto mit 177 Kilogramm Sprengstoff auf dem Weg von Syrien in die Türkei abgefangen wurde (mehr hier).

Stellen sich vormals unterstütze Rebellen gegen die Türkei ?

In Reyhanli wurden bei einem Bombenanschlag Anfang Mai 51 Menschen getötet, wobei die türkische Regierung den syrischen Geheimdienst dafür verantwortlich macht. Eine von der Regierung verhängte Nachrichtensperre erschwerte die Aufklärung der tatsächlichen Umstände. Die Hackerorganisation „Red Hack“  behauptet Belege gefunden zu haben, wonach die Gendarmerie vorher schon von Anchlagsplänen der in Syrien kämpfenden Al-Nusra-Front wusste, so die Yurtgazetesi.

Dass die Hisbollah oder Einheiten des syrischen Militärs und Geheimdienstes Anschläge verüben können steht außer Frage. Primäres Ziel der Hisbollah wäre allerdings Israel, dessen Militär schon Ziele in Syrien angegriffen hat, also trotz bisheriger Zurückhaltung gegenüber Assad trotzdem als Feindbild taugt. Die syrische Führung müsste dazu den verlängerten Arm des Iran nur mit schlagkräftigen Waffen ausstatten. Dass der syrische Geheimdienst auch in der Lage ist, Anschläge von größerem Ausmaß zu verüben, hätte er, sofern man der offiziellen Darstellung der türkischen Regierung glaubt, in Reyhanli bewiesen.

Weitere Anschläge von geringerem Ausmaß haben seit Beginn des Krieges auf türkischem Boden stattgefunden. Jede weitere terroristische Aktion wird Präsident Erdogans außenpolitischen Kurs in Syrien zu einem innenpolitischen Problem umwandeln, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass die türkische Grenzregion Rückzugsgebiet ist und Quelle für militärischen und humanitären Nachschub der Rebellen darstellt.

Es wird sich also die Frage stellen, ob die Unterstützung der oppositionellen Rebellen nicht einen Hort für terroristische Organisationen geschaffen hat. Denn spätestens, wenn über die neue Ordnung Syriens verhandelt wird und die Türkei in eigenem Interesse verhindern will, dass ein islamistischer Staat von Gruppen wie Al-Nusra geführt wird, können ehemals geduldete und unterstützte Partner zu lästigen Feinden mutieren.

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