Red Notice für Pinar Selek: Interpol fahndet nach türkischer Soziologin

Die Internationale kriminalpolizeiliche Organisation Interpol hat die türkische Autorin und Soziologin Pinar Selek ins Visier genommen. Via einer so genannten Red Notice (deutsch: „Rot-Ecke“) wird nun um Festnahme oder vorläufige Festnahme mit dem Ziel der Auslieferung ersucht. Am 24. Januar war der Menschenrechtsaktivistin in der Türkei in Abwesenheit eine lebenslange Haftstrafe auferlegt worden.

Gut sieben Monate nach dem höchstumstrittenen türkischen Gerichtsurteil gerät die türkische Autorin und Soziologin Pinar Selek erneut in Bedrängnis. Gegen die Menschenrechtsaktivistin liegt eine so genannte „Rot-Ecke“ von Interpol vor. Nach Einschätzung ihres Vaters, Alp Selek, ist der Kampf seiner Tochter noch lange nicht vorbei. Die „Rot-Ecke“ zielt auf die Festnahme der ausgeschriebenen Personen zum Zweck ihrer späteren Auslieferung ab.

Seit 2009 lebt Pinar Selek im Exil, zunächst in Berlin, seit 2011 in Straßburg. Dort arbeitet sie derzeit an ihrer Disseration. Nun könnte ihr eine Festnahme durch die französische Polizei und aufgrund des französich-türkischen Abkommens eine Abschiebung in die Türkei drohen, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Anwälte arbeiten im Hintergrund weiter

Selek selbst hat auf die „Rot-Ecke“ bereits reagiert. Wie das Blatt weiter berichtet, habe die 41-Jährige angekündigt, Widerstand zu leisten. „Ich werde weiterhin die sein, die ich bin. Ich leiste Widerstand. Ich habe nichts dazu zu sagen, außer das“, zitiert sie Selek. In einem Telefonat mit ihrem Vater Alp Selek soll sie sich zudem angeblich gefragt haben, warum man sie immer noch derart belästige.

Nach Einschätzung des bekannten linken Rechtsanwalts sei der Fall rund um seine Tochter noch lange nicht vorbei. Nach ihrer Verurteilung im vergangenen Januar seien ihre Anwälte daran, ihre Verteidigung vor dem Obersten Berufungsgericht vorzubereiten. Im Blick habe man auch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Der Kampf, so Selek, werde also weitergehen. Nach Einschätzung von Pınar Selek selbst, so das Blatt weiter, bleibe jedenfalls abzuwarten, ob Interpol oder Frankreich nun tatsächlich handeln würden.

Rückendeckung bekommt Selek nicht nur von Familie und Freunden. Auch die Stadt Straßburg steht hinter der türkischen Soziologin und Menschenrechtsaktivistin Pinar Selek. Auf einer Veranstaltung zum Internationalen Frauentag am 8. März wurde die in ihrer Heimat zu lebenslanger Haft verurteilte Schriftstellerin als Symbol des Kampfes für die Rechte der Frauen vorgestellt (mehr hier).

Selek schüchtern Richtersprüche nicht ein

Die Soziologin wurde am 24. Januar dieses Jahres in Abwesenheit überraschend von der 12. Kammer des Istanbuler Gerichts wegen Beteiligung an einem Bombenanschlag zu einer lebenslangen Haftstrafte in der Türkei verurteilt. Zuvor war sie vom gleichen Richter bereits dreimal freigesprochen worden. Der Anschlag ereignete sich am 9. Juli 1998 auf dem Ägyptischen Basar in Istanbul. Sie soll die Tat gemeinsam mit Abdülmecit Öztürk ausgeführt haben, der ebenfalls lebenslang ins Gefängnis soll. Sieben Menschen wurden bei dem Anschlag getötet und weitere 127 verletzt. Zum Zeitpunkt der Tat war Pınar Selek 25 Jahre alt und verdächtigt, Mitglied der PKK zu sein. Zuvor hatte sich auch Günter Grass für sie eingesetzt (mehr – hier). Bereits wenige Tage nach dem Richterspruch kündigte Selek an, darum zu kämpfen, in ihr Land zurück zu kehren.

„Generell“, so das Europäische Parlament, „ist (…) darauf hinzuweisen, dass sich die ‚Rotecken‘, die von Interpol auf Ersuchen ihrer Mitglieder veröffentlicht werden, nicht auf Rechtsakte der EU oder auf für die Europäische Union und die Türkei verbindliche internationale Übereinkünfte stützen und nicht automatisch zur Verhaftung und/oder Auslieferung der betreffenden verdächtigen Person führen.“ Für die Mitglied­staaten von Interpol seien die Rotecken jedoch als unverbindliche Ersuche um vorläufige Festnahme zu erachten, sofern zwischen ihnen ein bilaterales oder multilaterales Kooperationsabkommen über die Auslieferung verdächtiger Personen bestehe.

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